Von den Schwierigkeiten ein Mannequin zu bestimmen. – Jamarico und das Rootstein Mannequin LS08, Alessandra Signorelli

Spätsommer 1990. Ich war in meiner Geburtsstadt Zürich einmal mehr „uf dr Leutsch“, womit ein Satz unter Verwendung von Schweizer Dialektwörtern absichtlich hier verwendet wird, weil er mir kaum übersetzbar scheint, aber genau die Tätigkeit beschreibt, welche ich an jenem Tag ausübte. Mit meiner Mittelformat-Fotokamera Rollei SLX 1000 war ich in den leeren Strassen an einem Sonntagmorgen unterwegs; zwar entschlossen ein paar Testbilder von der Stadt zu machen, die ich danach meinem Auftraggeber zeigen würde, dem Münchner Verlag, der über europäische Grossstädte Bildbände herausgab und beabsichtigte mit mir als professionellen Fotografen ein Buch über Zürich zu machen, aber ohne genau festgelegte Route. Es war eine Art umherziehen, aber nicht ganz planlos, sondern eher wie bei einem Orientierungslauf, bei dem man verschiedene Stationen auf einem eher beschwerlichen Weg abarbeitet (= Leutsch). Natürlich gehörte das Niederdorf dazu, welches ich gut kannte. Ich versuchte die Atmosphäre dieser pulsierenden Fussgängerzone im Herzen von Zürich einzufangen, welche an manchen Orten deutliche Kontraste in unserem Kulturverständnis zeigte, wie sonst nirgends. In diesem Schmelztiegel begegneten sich Herr Biedermann von der nahen Bank mit Anzug und Krawatte, auf dem Weg zum Lunch mit einem seiner Geschäftspartner, und der Punk mit Irokesenfrisur, Lederjacke und viel Metall gepierct am ganzen Körper. Dieser Gegensatz wollte ich in ein einziges Bild packen und entdeckte plötzlich diese beiden Schaufenster nebeneinander, in welchen links traditionelle Brautmode ausgestellt war und auf der rechten Seite des Fassadenausschnittes in der Auslage von Jamarico ein Mannequin mit punkiger Lederbekleidung und einem Mikrofon in der rechten Hand, so als stünde sie auf einer Bühne eines Musikfestivals. Reizvolles Bild; wie bei „die Schöne und das Biest“ – laut und leise. An der Fassade in der Mitte hing noch ein Flugblatt mit der Ankündigung eines Konzerts der Schweizer Rockgruppe Polo Hofer Schmetter-Band.

Das Bild verschwand in meinem Archiv; fast 30 Jahre ist das her und es kam erst kürzlich und mehr zufällig beim Blättern in Archivaufnahmen zum Vorschein. Mit heller Freude stellte ich rasch fest, dass dort eine Adel Rootstein aus der Serie „Lipstick & Compact“ mit der Seriennummer LS08 stehen muss, denn diese Pose kenne ich sehr gut, darf ich doch inzwischen eine Alessandra Signorelli zu meinen Highlights in meiner Sammlung zählen. Zwar hat die LS08a, die Dianne de Witt mit dieser Seriennummer, die genau gleiche Pose, wonach man letztlich nur nach dem Gesicht den Unterschied erkennen kann, was auf diese Distanz und wegen der Sonnenbrille bei der Bestimmung des Mannequins erschwert ist.

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Aber die markante Nase hat sie verraten. Niemals hätte ich vor 30 Jahren nur im Traum gedacht, dass einmal diese Figur in meiner Wohnung stehen würde!

Alessandra Signorelli aus der Serie Lipstick & Compact von Adel Rootstein mit den Seriennummern LS7 und LS8 – Faszination Mannequins – Schaufensterfiguren aus fünf Jahrzehnten (faszination-mannequins-schaufensterfiguren.blog)

Die linke Figur ist so mit Hochzeitskleid und Schleier verhüllt und die Konturen des Gesichts dermassen schlecht erkennbar, dass mir nur eine vage Vermutung bleibt. Es scheint, als handle es sich aufgrund diverser Kriterien um eine ältere Schaufensterfigur aus den 60er-Jahren von Moch, die sich für Hochzeitskleider besonders gut eignet (wegen der schmalen Taille). Das eher ovale, puppenhafte Gesicht spricht dafür, sowie die Armstellung (wg. kreisrunder Achselkupplung), die etwas unnatürlich wirkt. Hingegen wäre auch eine ältere Hindsgaul aus den 60er- oder 70er-Jahren denkbar.

Diese von mir letztes Jahr angekaufte Schaufensterfigur wurde Ende der 50er-Jahre in Deutschland von der Manufaktur Moch hergestellt und ist in einem sehr guten Zustand. Sie wird auf Höhe der Taille geteilt.

Beim googeln im Internet fand ich eine etwas unscharfe Aufnahme vom Musik- and Fashionladen Jamarico (vermutlich aus den 80er-Jahren), mit vier in Reih und Glied stehenden Mannequins im Schaufenster. Doch die schlechte Qualität des Bildes verunmöglicht eine Bestimmung. Als der Laden Jahre später schloss, standen zwei Mannequins im Schaufenster….

Rechts vermutlich eine Loutoff (was aufgrund der schlecht ausgeführten Füsse, der verchromten Standplatte und dem verchromten Wadendorn naheliegend ist). Bei der linken Figur gut erkennbar, die quadratische Glasstandplatte mit dem Fussdorn aus Metall, was zwar kein Beweis, aber ein deutliches Indiz dafür ist, wonach es sich um eine Adel Rootstein Figur handeln könnte, die ich aber nicht kenne. Aufgrund des runden Fussdorns mit den vier Flügeln, kann man bereits alle Hindsgaul-, Almax-, Moch- Arthema-, New John Nissen-, sowie Schläppi- und Mitnacht-Figuren ausschliessen. Es bleibt dennoch äusserst anspruchsvoll, ältere Schaufensterfiguren nur anhand von Fotos zu bestimmen.

Hindsgaul Deauville und „Das Kleine Schwarze“ – Der Bezug zu Coco Chanel

„Eine klare Definition, was ein Kleines Schwarzes ist, gibt es nicht. Grundlegend ist es eng und körpernah geschnitten und maximal knielang. Gerade das ist seine Chance, denn damit ist es nach persönlichem Geschmack veränderbar.“ schrieb die „Welt“ in einem Artikel unter dem Titel „Die Wunderwaffe, die jede Frau besitzen sollte“.

Das Kleine Schwarze: Die Wunderwaffe, die jede Frau besitzen sollte – WELT

Das „LBD“ (Abkürzung für „Little Black Dress“) wurde 1926 von der berühmten Modedesignerin Coco Chanel entworfen, was aus dem Blickwinkel damaligen Stilbewusstseins ein Skandal war. Heute hänge in jedem Kleiderschrank einer Frau ein Kleines Schwarzes behauptet eine Modezeitschrift, wobei sie nicht allzu falsch liegen dürfte. Das vor 95 Jahren entwickelte Kleidungsstück ist ein Designklassiker geworden und nachdem Karl Lagerfeld in den 80er-Jahren des 20. Jh. durch neue Kollektionen, jene damals etwas angestaubte Firma wieder zu neuem Glanz verhalf, mutierte sie zu einem weltumspannenden Imperium hochwertiger Mode mit einem Umsatz von jährlich über 9 Milliarden Euro.

Das Kleine Schwarze von Coco Chanel Coco Chanel: Schwarzes Kleid wird zur Ikone der Moderne, 360 ° Video, Museum für dekorative Kunst Paris – HiSoUR Kunst Kultur Ausstellung

(122) How did the black dress become an icon? | Musée des Arts Décoratifs | #GoogleArts – YouTube

„Stile und Materialien unterschieden sich für Tag und Abend. Abendversionen des “kleinen schwarzen Kleides”, das eher ärmellos war, bestanden häufig aus geschichteter Spitze oder Seidenchiffon mit asymmetrischen Säumen und Rundhalsausschnitten.“ Das TIME-Magazin wählte Coco Chanel zu den 100 einflussreichsten Personen des 20. Jahrhunderts, was sonst kein Designer in dieser Branche schaffte. 1913 eröffnete sie ihr erstes Geschäft im kleinen Dorf Deauville in der Normandie (Nordfrankreich), das damals bereits seit 1860 zu einem noblen Ferienort am Meer geworden war, mit Luxushotels, Casino und Pferderennbahn. Um diese Zeit entstanden dort die beiden Hotels „Le Royal“ und „La Normandy“, „die ein Symbol für Glamour, Pracht, Luxus und Eleganz“ (Deauville – Wikipedia) waren und den Ort bis heute noch charakterisiert.

Mannequin im Kleinen Schwarzen auf einer Seite des Hindsgaul-Kataloges von der Serie „Deauville“

1990 lancierte Hindsgaul eine Serie Schaufensterfiguren unter dem Namen „Deauville“, womit der Mannequinhersteller einen Bezug zum noblem Ort am Ärmelkanal herstellen zu wollen scheint (was äusserst naheliegend, wenn auch nicht ganz gesichert ist…). Im Gegensatz zu vielen SammlerInnen bin ich ein sehr begeisterter Deauville-Fan, der auch über die Tatsache hinwegsehen kann, dass Hindsgaul bei der Modellierung der beiden Kopfvarianten (Nummern 19 und 20) Gesichter auswählte die sehr polarisieren, zwischen Anhängern, die der Meinung sind sie sei hässlich und anderen, die finden, sie besitze einen stolzen und anmutigen Ausdruck.

Katalogseite mit vier Modellen (Posen) aus der Serie „Deauville “ von Hindsgaul

Ich finde die Posen sehr glamourös. Vor allem – das gefällt mir am meisten – ist die Deauville sehr wandelbar. Bei Massimo wirkt sie sehr sinnlich, verspielt und traumversunken…..

flickr Massimo. Link z.Z. nicht verfügbar

…; bei einem anderen Sammler wurde sie als strenge Nonne verkleidet:

Link wird zeitnah nachgeliefert…

Über meine Deauville’s werde ich einen eigenen Beitrag hier veräffentlichen (demnächst)….