Leslie vom Mannequin-Hersteller New John Nissen / Schläppi ist soeben bei mir eingezogen. Sie stammt aus der Serie mit dem Namen „Beauties“ mit der Serien-Nr. PW 6.

Manchmal gibt es Momente im Leben, in denen das intuitive innere Gefühl stärker ist als der rationale Verstand, nach dem ich eigentlich hätte nach Hause fahren sollen. Ich tat es nicht und fuhr einen kleinen Umweg, mit dem Ziel, bei einem Brockenhaus vorbei zu schauen, das ich gut kenne und seit Jahrzehnten Stammkunde bin. Aber diesmal habe ich nichts gebraucht, sondern bin einfach diesem Gefühl gefolgt, das ich inzwischen zu deuten wisse. Ich betrat das Geschäft und von weitem sah ich sie, angezogen in einer Tracht mit Schlapphut verhüllt. Schon auf diese Distanz erkannte ich sofort, dass es sich um eine New John Nissen / Schläppi aus der „Beauties“-Serie handelte, mit dieser sehr eigentümlichen Armstellung und Körperhaltung mit hohem Wiedererkennungswert. In meiner Erinnerung tauchte das Bild eines Schweizer Sammlers auf, der u.a. auch eine „Liberty“ A5 besass, welches ich im Juni 2017 im Internet entdeckte.

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New John Nissen / Schläppi im Rolling Stones Leibchen

Die hier abgebildete New John Nissen-Figur wurde zum Verkauf ausgeschrieben, ohne Angaben über dessen Hersteller, oder der Serie, lediglich mit dem Zusatz: “ inhabituelle position cambrée“. Tatsächlich ist diese Position, wie oben erwähnt, sehr ungewöhnlich, nach hinten geneigt, mit hohlem Kreuz. Mangels detaillierter Kenntnisse nannte er sie „Angie“, in Anlehnung an die Ballade von der Popgruppe Rolling Stones, was auch die Gitarre und das Leibchen assoziieren soll.

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Aus der Nähe erkennt ein versierter Sammler sofort das etwas ernste, kantige Gesicht der „Jenny“, mit den geöffneten Augen und dem geschlossenen Mund.

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New John Nissen Katalog von 1986, Serie „Beauties“ (3)

Im Katalog (unten links im oberen Bild) ist die Figur hingegen mit dem Kopf von Leslie abgebildet. Sie weist die Seriennummer PW 6 auf.

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New John Nissen Mannequins, Serie Beauties, 1986 (2)

Mit der klassischen Herbst- / Wintermode von 1986 zusammen eher gewagt, aber sehr auffällig und gekonnt gestylt: die an den damals aktuellen New Wave Look angepasste Perücke (s. Bild oben). Die Frisuren waren wild und extravagant. Welches Mannequin könnte dies besser präsentieren, als die „Leslie“ mit der Nummer PW 6, von New John Nissen?

Schöne Katalogaufnahme von „Grace“ mit offenem Mund und geschlossenen Augen und einem echten, männlichen Model mit cooler Lederjacke. Sehr sinnlich und toll gestylt (PW 11)!

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New John Nissen Katalog, Grace PW 11

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Meine Leslie gestern, bereit zum Abtransport!

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Leslie darf vorne auf dem Beifahrersitz mitfahren…….

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Unter den kritischen Blicken ihrer neuen Freundinnen (links Gisela Mindt) präsentiert sie sich selbstbewusst. Kurze „Wareneingangskontrolle“ von mir: ausser einen wirklich geringfügigen Lackschaden am Kinn, seitlich der Nase und auf der Lippe, gibt es nichts zu beanstanden. Die 35 Jahre alte Figur ist in einem Topzustand und befand sich laut Aussagen der Verkäuferin jahrzehntelang in einem Schuppen.

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Die Augen bestätigen diese Information. New John Nissen und Schläppi verwendeten in den späten 70er- und 80er-Jahren einen Klarlack als Überzug bei den Augen, der nicht UV-resistent war (wie ich in meiner These vermute und hier im Blog schon an anderer Stelle erwähnte. Deshalb sind Augenweiss bei Figuren, die im Schaufenster der starken UV-Strahlung des Sonnenlichts ausgesetzt waren mit zunehmendem Alter vergilbt. Die Leslie war in einem lichtgeschützten Schuppen. Deshalb die helle noch weisse Farbe in den Augen.

Weitere Bilder folgen bei Gelegenheit…

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Loutoff kopiert Hindsgaul – ROS2 vs. 8812

Weltweit kämpft man gegen Fälschungen und illegale Kopien von Markenprodukten. Die Berühmteste ist wohl die Rolex-Uhr. Der Wirtschaft wird so grossen Schaden zugefügt.

„Beobachter“-Artikel zum Thema

Auf ironische Weise prämiert man jährlich mit dem „Plagiarus“-Preis Produkte, die in Bezug auf ihre Ununterscheidbarkeit und Ähnlichkeit geprüft werden. Das Küchengerät „Nicer Dicer Plus“ belegte dieses Jahr Platz 1. Eine chinesische Firma ist für den exakten Nachbau (im unteren Bild rechts) verantwortlich. Das Original (links im Bild) wird von der Firma Genius GmbH in Deutschland hergestellt. Wie genial dieses Küchengerät ist, kann ich nicht beurteilen, doch scheint es attraktiv genug zu sein kopiert zu werden, was ihm eine gewisse Güte zuspricht. Bei Mannequins ist dieses marktstrategische Phänomen auch zu beobachten. Asiatische Billigkopien von hochwertigen Schaufensterfiguren, die in den berühmten, europäischen Manufakturen hergestellt wurden, beschränken sich meist auf einzelne, besondere Exemplare und nur bei der „Angie“ von Hindsgaul um Teile einer speziellen Serie. Inwieweit sich bei der Loutoff ROS2 ein Klon von Hindsgaul „La Femme“ 8812 feststellen lässt, zeige ich weiter unten im Text.

„Plagiarus“-Verleihung 2018

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Das Küchengerät „Nicer Dicer Plus“ (links Original) wurde von einer chinesischen Firma kopiert (rechts) und erhielt von einer Jury die Auszeichnung „Plagiarus 2018“, für das beste Plagiat im laufenden Jahr.

Selbst beim Kopieren von Schaufensterfiguren kennen die Kopierer aus Zentralasien keine scheu. Auch wenn sie unter einem eigenen Label und mit eigener Seriennummer produziert und vertrieben werden, sieht man bei einigen sofort, welches Mannequin dahinter steckt. In der Regel ist die Kopie aber nicht besser als das Original. Anhand der Loutoff ROS2 werden wir eines Besseren belehrt, denn unter vorgehaltener Hand hat schon der eine oder andere Sammler leise zu mir geflüstert: „Bei dieser Figur ist die Kopie besser als das Original….“

Bei der Hindsgaul-Serie „La Femme“ herrschen unter den Sammlern unterschiedliche Meinungen. Den Einen gefallen diese Glubschaugen, die hervorstehenden Nasenflügel, die wie Pferdenüstern wirken, und dieser spitz zulaufende Mund ganz und gar nicht und sie sprechen von „einem Fehlgriff“ der Firma anfangs der 80er-Jahre, sogar vom Beginn des Untergangs nach der sog. „goldenen Ära“ von Young Look, International & Co.

Hindsgaul-Serie „La Femme“ Katalog

Hindsgaul Fanseite, bis 1982 „La Femme“ scrollen

Andere beschreiben den Blick als „leidenschaftlich“, schwärmen von der edlen Schönheit und dem leidenschaftlichen Blick. Dieses Mannequin polarisiert eindeutig. Doch es gibt eine Ausnahme. Sie heisst „La Femme“ mit der Nummer 8812, und ist jene Figur mit der wunderbaren Geste, bei welcher sie sich mit der rechten Hand an den hohen Absatz des rechten Schuhs, bzw. an die Ferse fasst.

Flickr, Hindsgaul La Femme 8812, Serge O.

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Die Figur von Hindsgaul, aus der Serie „La Femme“ mit der Nummer 8812 besitzt eine optisch sehr attraktive Pose

Während bis in die 50er- und frühen 60er-Jahre des 20. Jahrhunderts die Mannequins teilweise steif wie eine Litfasssäule zum ankleiden wirkten, veränderten sie sich im Ausdruck und in den Posen in den Folgejahren zu Figuren, die in einer Bewegung quasi „eingefroren“ wurden, welche die emotionale Vielfalt in unseren Träumen und in der Welt unserer Gedanken freisetzen sollte. Offenbar überprüft die „La Femme“ mit der Nummer 8812 mit dem Zeigefinger der rechten Hand das Riemchen um ihre Fesseln des rechten Fusses und hält dazu das rechte Bein angewinkelt hoch, um besser ihr Vorhaben umsetzen zu können. Sie sieht über die Schulter seitlich an diese Stelle hinunter und ist auf ihre Absicht konzentriert. Den Betrachter nimmt sie dabei nicht wahr. Dieser fühlt sich in diesem Moment unbeobachtet, bleibt stehen, versucht zu erraten, weshalb die Schaufensterfigur in dieser Position verharrt und die Phantasie beflügelt danach alle Varianten der Vorstellungskraft, warum sie dies tut und wie die Bewegung zu Ende geführt werden würde. Hindsgaul verstand es im Jahr 1982 einen wahren Eye-Catcher auf den Markt zu bringen: die „La Femme“ 8812, welche Jahrzehnte danach von der asiatischen Firma Loutoff kopiert wurde.

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Schaufensterfigur der 50er-Jahre von der Firma Bonaveri, die in einem Kaufhaus in Berlin stand, um Kleider zu präsentieren. Sie wirkt ein wenig wie eine Litfasssäule, die angekleidet werden kann, ganz im Gegensatz zu späteren Modellen führender Hersteller von Mannequins

Schaufensterfigur aus den 50er-Jahren von der Fa. Bonaveri

„Don’t you wish you could just freeze time?“ („Würdest Du Dir wünschen, einfach die Zeit einfrieren, anhalten zu können?). Diese Frage stellte die Trendanalystin Gabrielle Mixon am 18. November 2016 in ihrem Blog und äusserte sich zu dem im Internet seit Oktober 2016 entstandenen Hype aus den USA, der sich über die sozialen Medien rasant über die gesamte Welt verbreitete und unter dem Begriff „Mannequin Challenge“ bekannt wurde.

Gabrielle Mixon zum Thema Mannequin Challenge

Wikipedia „Mannequin Challenge“

youtube video von Zach King

Das Ziel von „Mannequin challenge“ ist es, einem Zuschauer den Eindruck zu erwecken, es handle sich bei einer völlig regungslos in ihrer Bewegung verharrenden Gruppe von Menschen um Schaufensterfiguren. Im Grunde ist es eine Art stille Performance, bei welcher aber nicht eine handlungsbetonte, vergängliche, künstlerische Darbietung von einem Performer im Vordergrund steht, sondern man selbst als Beobachter von einer situationsbezogenen Handlung ist. Unter normalen Umständen sind Bewegungsabläufe einzelner Personen, oder ganzer Gruppen zu erkennen, nicht aber ganzer Geschehnisse. Ursprünglich mag der Wunsch und der Gedanke gestanden haben, ein Ereignis in der Zeit anzuhalten, um sich für einen Moment und in aller Ruhe innerhalb einer einzelnen Szene der sich verändernden, vergänglichen Gegenwart aufzuhalten. Vielleicht steckt in diesen Veranstaltungen der unausgesprochene Wunsch nach einer entschleunigten Zeit, der in Bezug auf die heutigen, immer kurzlebiger werdenden Entwicklungen steht und vielleicht „Mannequin Challenge“ auch als Signal zum Innehalten verstanden werden kann. Jedenfalls tun dies die Schaufensterfiguren. Die „La Femme“ 8812 scheint in ihrer Absicht das Schuhriemchen an ihren Fesseln zu überprüfen nicht gestresst zu sein.

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Die Hindsgaul „La Femme“ 8812 wurde von der Firma Loutoff unter der Bezeichnung ROS2 kopiert; hier mit sexy Outfit. Aber diese Mundstellung, die Nase, das ganze Gesicht finden nicht alle Sammler schön….

flickr chee pow, Massimo

Amazon, Loutoff ROS2, Plagiat der Hindsgaul „La Femme“ 8812

Wie weiter oben schon erwähnt, gefällt mir das Gesicht der Hindsgaul „La Femme“ ganz und gar nicht. Ihre Pose hingegen sehr. Massimo (Chee Pow auf flickr) hat von ihr unter dem Titel „Dancing shadow“ sehr schöne Fotos gemacht.

Dancing shadow
Foto von Massimo (Chee Pow in flickr). Unter dem Titel „Dancing shadow“ gelangen ihm sehr schöne Bilder des Plagiats vom Hindsgaul-Mannequin von 1982, das mit der Nummer 8812 zur Serie „La Femme“ gehört und von Loutoff unter der Bezeichnung ROS2 Jahre später kopiert wurde.

Ist aber die Loutoff ROS2 tatsächlich ein Klon, eine identische Kopie von der Hindsgaul Schaufensterpuppe? Nein. Was sind die 6 entscheidenden Unterschiede:

a.) Das Original hat einen geraden, linken Arm, der etwa in einem 45° Grad-Winkel zur Körperachse geneigt ist, während bei der Kopie man einen angewinkelten Arm sehen kann.

b.) Die Beine bei der Hindsgaul 8812 sind in der Mitte geteilt, während bei der Loutoff das rechte Bein mittels Bajonettverschluss in den Beinstumpf am Becken eingedreht werden muss.

c.) An der rechten Hand des Originals steht der Zeigefinger gestreckt hervor. Bei der Loutoff-Figur sind alle Finger nach innen gebogen.

d.) Die Körbchengrösse, bzw. die Brustform der „La Femme“ ist eher klein und knapp ein 75B. Der Busen der ROS2 ist üppiger.

e.) Wie bei allen Mannequins von Loutoff sehen die Kniekehlen sehr unnatürlich aus und so, als ob ein Plastikrohr in warmem Zustand gebogen wurde, mit entsprechenden Deformierungen.

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Eine Detailaufnahme der Kniekehle bei der Loutoff ROS2 zeigt eine Art gequetschte Form, wie wenn ein angeheiztes Plastikrohr gebogen wurde.
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Eine Loutoff ROS2 Schaufensterfigur an der Poledance-Stange. Markant sind der linke Arm, die rechte Hand, die Beine, der Busen und die Kniekehle, welche alle samt anders geformt und gebaut wurden wie bei der originalen Schaufensterpuppe von Hindsgaul.

Im Gegensatz dazu sind die in einer Form gegossenen Beine von Hindsgaul realistischer, vor allem im Bereich der Kniekehle.

Hindsgaul La Femme 02 - Kopie
Das rechte Bein der Hindsgaul-Figur aus der Serie „La Femme“ mit der Nummer 8812 zeigt eine deutlich realistischere Formgebung im Bereich der Kniekehle, als bei der Loutoff-Kopie ROS2

f.) Zuletzt sei hier noch die gesamte Verarbeitung der Mannequins im Vergleich erwähnt und einander gegenüber gestellt. Die Schaufensterfiguren von Hindsgaul wurden in den 70er- und 80er-Jahren sehr massiv gebaut, weshalb sie auch widerstandsfähiger und viel schwerer als ihre Kopien sind. Loutoff-Figuren sind leicht und dünnwandig. Bei einem Sturz treten gravierendere Schäden auf, als beim Original. Nicht selten wird die Figur von Loutoff unbrauchbar und muss ersetzt werden, während jene von Hindsgaul wieder instandgesetzt und repariert werden können. Die mindere Qualität wirkt sich auch auf den Preis aus, weshalb für eine Loutoff gerade mal EUR 90-99.- bezahlt werden muss und die Versandspesen dabei noch eingerechnet sind, während eine Hindsgaul Originalfigur nur äusserst selten zum Verkauf angeboten wird.

Ich hätte im Juni dieses Jahres einmal die Möglichkeit gehabt die Hindsgaul „La Femme“ mit der Nummer 8812 zu kaufen, wobei sogar die Originaletikette und die gestempelte Nummer auf der Innenseite der Hüftverbindung vorhanden gewesen wären. Aber die linke Hand fehlte, die zwar auf dem Foto des Inserates zu sehen war, aber jener private Verkäufer hatte fälschlicherweise die rechte Hand am linken Arm montiert, was er über längere Zeit nicht bemerkte, bis ich ihn darauf aufmerksam machte, als ich diese Figur kaufen wollte, u.a. im Gedanken, allenfalls einen Headchange mit einer „International“ von Hindsgaul durchzuführen. Doch ich liess die Idee fallen; und ich zögere noch heute, obwohl ich wieder die Möglichkeit hätte, sowohl eine ROS2 und eine 8812 zu kaufen….