Bemerkenswert

Mannequins / Schaufensterpuppen als Spiegel der Schönheitsideale im Wandel der Zeit

Haute Couture als zentrales Thema im Elternhaus

Die Hochglanz-Modezeitschriften und Magazine von Vogue und Harper’s Bazaar lagen in meinem Elternhaus teils stapelweise herum, wobei ich mir die innere Ordnung nie erschliessen konnte, denn chronologisch schienen sie kaum zu sein. Mir ist es bis heute also nicht vergönnt, auch rückblickend, ein System der Priorisierungen erkannt haben zu dürfen – das soll auch so sein, denn Schönheit, Ästhetik, Mode sind ganz persönliche Empfindungen, die von Formen und Farben, von Licht und Schatten beeinflusst sind. Es gab zwar Versuche aus Milliarden von menschlichen Individuen ein Schönheitsideal aus der breiten Masse hervorheben zu lassen und dies je nach Epoche immer wieder neu. In den 80er-Jahren des letzten Jahrhunderts wollten gewiefte Werbepsychologen dahinter kommen, nach welchen Kriterien unser Unterbewusstsein ein Schönheitsideal bewertet. Das Ergebnis war recht simpel: je symmetrischer ein Gesicht ist, desto schöner erscheint es dem Betrachter. Eine solche Erklärung kann aber nicht die breite Empfindungspalette abdecken, die Menschen in ästhetischer Hinsicht besitzen. Dennoch ist es rätselhaft, wie sehr Mode und Schönheitsempfinden dem jeweiligen Zeitgeist unterworfen sind und es eine erstaunliche suggestive Kraft gibt, die Trends zu fokussieren vermag. Jedenfalls kann ich mich schwach erinnern, das Wort Haute Couture so oft als Kind im Elternhaus gehört zu haben, dass es zu meinem Grundwortschatz im Vorschulalter gehörte.

Meine Tante war eine begnadete professionelle Schneiderin, sowie meine Grossmutter mütterlicherseits. Neben ihrer täglichen Arbeit, fertigten sie auch Kleider für meine Mutter an, die mit etwas über 1.80 Meter Grösse damals gültige Modellmasse besass. Ansatzweise lässt sich vermuten, dass nach der Reihenfolge der in Auftrag gegebenen Kleider auch die Hefte bereit lagen, die ich oft durchblätterte, sogar öfters als ein Spielwarenkatalog. Manche waren so dick wie die in ländlichen Gegenden damals gebräuchlichen Telefonbücher. Die Fotos in den Katalogen wurden in den berühmten Mode-Metropolen Paris, London, Mailand und New York gemacht – Grossstädte in denen Trends gesetzt wurden.

Ausbildung zum Werbe- und Modefotografen

Am Anfang begeisterte mich schon eher die Landschaftsfotografie, als ich das erste Mal mit 12 Jahren eine Nikon F Spiegelreflexkamera in die Hand nahm und im Alter von 15 die Dunkelkammertechnik erlernte. Ein Jahr später war mir klar, dass ich eine Lehre als Fotograf beginnen wollte und so arbeitete ich nach der Schule u.a. für Achille Weider, der in Zürich ein sehr bekannter Modefotograf war. Wenn während dem Fototermin die schlanken, sich wie Gazellen bewegenden, schönen Geschöpfe über das Parkett stakten, gab es am Anfang schon das eine oder andere Mal, dass mir beinahe die Augen aus dem Kopf fielen. Doch ich gewöhnte mich an die ein- und ausgehenden Supermodells und mit der Zeit war es nicht mehr so ausserordentlich aufregend. Aber es waren schon Wesen die mich zuweilen verzaubern konnten; betörend, in einer magischen Atmosphäre. Die Disco-Glitzerwelt von Ende der 70er- und Anfang der 80er-Jahre war ohnehin magisch.

Ein wenig Nostalgie…. „the Golden Ages“…

Wenn ich also heute, 40 Jahre später, Schaufensterfiguren ansehe, schwingen schon nostalgische Gefühle an diese sehr spannende Zeit des Aufbruchs mit, als sich in der Werbung neue Horizonte eröffneten und die Schaufenster sich in Erlebniswelten verwandelten und der Begriff „visuelles Merchandising“ sich verbreitete. Ansprechend sollten sie sein, sympathisch, die Schaufensterpuppen, die potentielle Kundschaft in ihren Bann ziehen sollten. Die heutigen Sammler von Vintage-Mannequins sprechen von den „Golden Ages“, von den goldenen Jahren, als die in Europa führenden Hersteller, wie Adel Rootstein, Hindsgaul und New John Nissen die wunderschönen, naturalistischen Schaufensterfiguren auf den Markt brachten. Heute sind die „Eierköpfe“ nur noch von den Körpermassen dem Menschen ähnlich. Man glaubt, der Betrachter sei durch die Stilisierung der Figur mehr auf das Kleid konzentriert, was verkaufsfördernd wirke. Man vergass dabei, dass der Mensch das „Gesamtpaket“ unterbewusst beurteilt und ein ästhetisches Empfinden besitzt, in dem das Gefühl für Schönheit entwickelt wird. Und so sind die stilisierten Mannequins von heute vielen zu abstrakt und ich bin nicht alleine, wenn Menschen sich nach den „Golden Ages“ zurücksehnen.

Mannequins: Träume in Kunstharz / visuelles Marketing und Gebrauchskunst

Dutzende Sammlerinnen und Sammler weltweit kümmern sich um die Erhaltung von Mannequins, der speziellen Form von Werbeplastik. An dieser Schaufensterkunst aus mehreren Jahrzehnten, lässt sich die Entwicklung in Gesellschaft und Mode ablesen und sie ist ein Spiegel der Zeit, in der sich das Schönheitsideal immer wieder veränderte. Als ich die erste Schaufensterpuppe ca. 1994 in einem Brockenhaus kaufte, fungierte sie als Objekt für die Voreinstellung des Studiolichtes, um mit dem lebendigen Modell später keine unnötige Zeit dafür zu verschwenden. Noch konnte ich nicht ahnen, dass mich rd. 14 Jahre später die Leidenschaft erfassen würde, in der ich nun begeistert Mannequins sammle. Inzwischen sind es über 140 Figuren, welche ich mir vom Sommer 2008 in den letzten zehn Jahren erwarb.

Dieses Blog hat zum Ziel, dem interessierten Leser eines der am wenigsten erforschten Gebiete im Bereich visuelles Marketing und Gebrauchskunst näher zu bringen. Es ist äusserst spannend, wenn z.B. ein „Dachbodenfund“ im Internet angeboten wird. Über Mannequins gibt es keine Fachliteratur, kein Bestimmungsbuch, wie bei Pflanzen und Schmetterlingen. Von den ahnungslosen Verkäufern werden öfters keine Angaben über den Hersteller, sowie die Seriennummer usw. gemacht und oft sind Aufnahmen mit dem Handy in schlechter Qualität gemacht worden, wonach es einiges an Fachwissen braucht und Erfahrung, um zweifelsfrei vor dem Erwerb die Figur einordnen zu können. Diese Phase erzeugt ein wenig Goldgräberstimmung, wobei mir diese Herausforderung enorm Spass macht. So werden Artefakte einer Kunstform gerettet, die sonst in Vergessenheit geraten würden. In der zweiten Phase werden die Schaufensterfiguren von mir gestylt und wenn nötig restauriert. Durch eine fachkundige Bestimmung bekommen sie nicht nur ihre eigentliche Identität zurück, sondern sie erhalten nicht selten ein sog. „Make-over“, ein Face- und Bodylifting, das ihnen zu einem zweiten Leben verhilft.

Mein Blog „Faszination Mannequins“ stellt hier nicht nur einige meiner sehr schönen Exponate vor, sondern hier werden auch einige Informationen über dieses Thema der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt, die u.a. auch in meinem Fachbuch erwähnt sind. Ich hoffe Sie also auch zum Staunen zu bringen; viel Spass!

Die Serie „International“ von Hindsgaul mit den Nummern 8701-8723 von 1978

„Nomen est omen“ ( dt. „Der Name ist Programm“) würden die alten Römer sagen, denn 1978 lancierte die Firma Hindsgaul mit der brandneuen Serie „International“ einen Hit und die Mannequins verkauften sich international sehr gut. Wenn auch über 40 Jahre alt, tauchen diese Schaufensterfiguren auf dem Markt immer wieder auf und werden von den Sammlern schon beachtet, aber zu Niedrigstpreisen gehandelt. Selten sind sie auch in einem guten Zustand, was den Wert massiv senkt und nicht jeder findet gefallen an ihr. Das mag zum Einen daran liegen, dass verschiedene Attribute nicht schön genug sind und zum Anderen besteht das Kriterium der Vollständigkeit der Originalteile. D.h. wie bei vielen Serien aus dieser Zeit sind die Schulterkupplungen kreisrund und die Arme untereinander kompatibel. Vor allem bei grossen Warenhäusern wurden wahllos Teile ausgetauscht. Für manche Sammlerin und Sammler ist es daher wichtig die Teile zu besitzen, die wie im Originalkatalog zur Figur passen und es werden Figuren priorisiert (wie mir auffiel), die diesen sinnlichen, halb offenen Mund mit den weissen Zähnchen aufweisen, wie zum Beispiel die Figur 8703. Im untenstehenden Katalogbild sieht man die 8703 mit dem Kopf geradeaus schauend und mit den Augen ein wenig nach rechts blickend, mit beiden Armen angewinkelt und mit den Händen in die Hüften gestützt.

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Ich kaufte meine „International“ von Hindsgaul mit der Nummer 8703 im Emmental auf einem Bauernhof. Sie wurde lange in einem Hühnerstall gelagert, entsprechend war ihr Geruch ein wenig streng. Gerüche in der Nutztierhaltung sind normal, doch bei einer Schaufensterpuppe doch eher störend, weshalb sie bei mir zuhause gleich abgeduscht wurde und im Keller vorübergehend in Quarantaine kam. Bei der Hüfte mussten noch Klebebandreste entfernt werden, was ziemlich aufwändig war. Aber bei einem Preis von CHF 20.- mit Standplatte kann man da nicht meckern.

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Etwas später kam dann noch eine komplett restaurierte Hindsgaul „International“ hinzu (mit der Nummer 8703, od. 8710), die ich an Weihnachten 2018 als Wald-/Baumfee stylte.

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Ebenso schön ist die Figur mit der Seriennummer 8718, die der Sammlerkollege Massimo besitzt (Katalogbild, rechts. Blick nach rechts).

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flickr, Massimo, „Blondie“, Hindsgaul International 8718

Hindsgaul Fanseite – Serien Historie

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mercedes mit der Seriennummer MAN D4 von Adel Rootstein aus den 80er-Jahren

Es handelt sich für einmal nicht um eine der vierrädrigen Edelkarossen aus Deutschland, mit dem wohlklingenden Namen „Mercedes“ von Karl Benz, sondern um ein Mannequin aus der führenden Manufaktur aus England, Adel Rootstein. Schon längst ist diese Figur vergriffen und nur noch über einen Händler von Vintage-Schaufensterpuppen erhältlich – und ich vermute, dass da auch in irgend welchen Dachböden, oder Kellern wohl keine „Mercedes“ mehr verstaubt vor sich hinvegetieren und entdeckt werden wollen. Diese Serie stammt meines Wissens aus den frühen 80er-Jahren und ist sehr selten, womöglich weil der etwas strenge Gesichtsausdruck nicht unbedingt ein breites Publikum ansprach.

Der russische Sammler Serge O. meinte in einem Kommentar zu dem untenstehenden Foto: „The dog is really similar to the mistress :)) especially in a profile!“ („Der Hund sieht der Dame ziemlich ähnlich :)) speziell im Profil!“)

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flickr, Serge O. Adel Rootstein, Mercedes mit Hund

Was natürlich witzig gemeint ist, wenn auch wenig schmeichelhaft klingt, relativiert ein anderer Sammler wieder: „Wonderful combination!“ („Wundervolle Kombination!“). Es handelt sich hier um „Mercedes“ von Adel Rootstein, die es in mehreren Posen gab, ich aber leider keinen Katalog besitze, um zweifelsfrei auch die Seriennummer hier nennen zu können.

Tief liegende, mandelförmige Augen, hohe Wangenknochen, spitzes Kinn und eine sehr markante Nase sind ihr Markenzeichen. „Mercedes“, wie unten auf dem Foto von James in England, ist unverwechselbar.

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flickr, James @studio136, Adel Rootstein, Mercedes

Mir persönlich gefällt „Mercedes“ in der Version mit leicht geöffnetem Mund am besten. Es gelang mir eine MAN D4 von einem Bekannten von Ralf Bischoff anzukaufen, die er meines Wissens zu Lebzeiten auch selber restauriert und geschminkt hatte, was durch sie mich an ihn erinnert. Das Makeup ist markant, genau so wie ihr Gesichtsausdruck.

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Ganz selbstverständlich trägt sie schlichte Haute Couture, mit Sommerhut und lächelt mit dunklen, knallig-roten Lippen einem zu, etwas lasziv leicht die Zähne zeigend.

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Vorübergehend trägt meine „Mercedes“ ein schwarzes Cocktailkleid, was sehr gut zu ihr passt, wie ich finde.

 

Entspanntes, junges Mannequin von Jung-Figuren in Sitzposition

Während man bei anderen, sitzenden Mannequins weniger Schwierigkeiten hat sie auf einem Stuhl, oder auf einer Couch hinzusetzen und sie in ein Konzept einzubinden, ist die sitzende Schaufensterpuppe aus einer älteren Jung-Figuren-Serie, mit dem einen gestreckten und dem anderen, angewinkelten Bein und den Händen auf dem Knie, eine ziemliche Herausforderung. Am Besten lässt sie sich in eine Szene integrieren, in der es um das Thema Entspannung geht, entweder in einer Badestrandsituation, oder einfach in einem Gartenliegestuhl.

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Auch wenn viele überzeugte Vintage-Mannequins-Sammler bei Jung-Figuren etwas die Nase rümpfen und anmerken, das sei eben nicht dasselbe wie Rootstein, Hindsgaul und New John Nissen, gibt es enthusiastische Sammlerinnen und Sammler, welche auch von vielen Jung-Figuren begeistert sind, wie die Sammlerin, die auf flickr unter dem Namen „My best mannequin“ ihre Exponate präsentiert.

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flickr Jeanette (link direkt auf Bild nicht mehr aktiv)

Die Sammlerin Jeanette sah darin ein Unterwäschemodell, das auf ihren Einsatz wartet (Bild oben).

Seit 2003 ist sie bei flickr auf der Seite von „My best mannequin“ zu bewundern und als ich sie dort das erste Mal sah, war ich so von ihr begeistert, dass ich mir ebenfalls eine solche Schönheit auf meine Wunschliste setzte. Die Haltung, dieser Blick, die weibliche, entspannte Pose, mit den Händen am Knie. Tolle Figur!

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Meine sitzende Jung-Figur neben der Dianne de Witt (LS10) macht sich auf einem Sofa breit.

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Grace, Dianne de Witt und die Jung-Figur als Sitzgrüppchen vor dem Cheminée….

 

 

 

Lachendes Mannequin von der Firma Jung-Figuren

Es war ein winziges Inserat, das meine Aufmerksamkeit erregte und als ich die komplett unscharfen Handybilder der Anbieterin betrachtete, hegte ich schon Bedenken, ob sich der Kauf überhaupt lohnen würde. Aber das lachende Gesicht gefiel mir schon sehr gut und so schrieb ich der Verkäuferin, sie möge mir doch per Smartphone einige Bilder von ihrer Schaufensterpuppe senden – vor allem in einer besseren Qualität. Nachdem ich sie erhalten hatte, vermutete ich schon, es müsse sich anhand der Schulterkupplung um eine Figur vom Hersteller Jung-Figuren handeln. Aber die Arme waren falsch und die Schäden nicht erkennbar. Wir verhandelten den Preis, bis er für beide annehmbar war un dich wusste, dass der Marktwert niedriger als EUR 50.- war und sie mir bereits von über EUR 100.- (ein exorbitanter Preis) fast 70% Ermässigung gewährte. Ich musste diese Puppe noch im Südschwarzwald abholen; also auch Benzin rechnete ich ein, wollte sie aber unbedingt und war überzeugt davon eines Tages passende Arme zu finden, da die kreisrunden Schulterkupplungen aus dieser Epoche unter fast allen Serien kompatibel waren. Rund drei Jahre später war es soweit und ich kaufte diesen Sommer Patina V- und teils defekte Jung-Figuren eines Verkäufers an, wobei ich die Arme des lachenden Mannequins endlich austauschen und die Figur komplettieren konnte.

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Sie stand staubig und dreckig in einem etwas feuchten Keller, der u.a. auch als Werkstatt benutzt wurde, mit falschen Armen….; ein trauriges Dasein. Nach meinem Ankauf wurde sie geputzt. Sie erhielt endlich auch passende Arme, eine schön Langhaarperücke und ein Handy, damit sie mit ihren Freundinnen tratschen kann.

Mir ist lediglich bekannt, dass ein Russe in Moskau die selbe Figur besitzt, die er aber selber komplett restaurierte:

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flickr, Serge O. _ Kyoya / Jung-Figuren _ Lachende

„Gorgeous face .. You are very gifted ..“ schrieb ein Sammler auf flickr.

 

Artikel „Stehvermögen“ in der SZ (Süddeutsche Zeitung) vom 05.09.2014

Artikel „Stehvermögen“ in der SZ (Süddeutsche Zeitung) vom 05.09.2014

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Bildlegende, siehe Link zum Artikel oben: „Kevin Arpino ist der Kreativdirektor bei Adel Rootstein, einer der bekanntesten Manufakturen für Schaufensterpuppen mit Sitz in London. Arpino ist so etwas wie der Stardesigner der Branche. Seine Puppen werden zu Ralph Lauren, Tom Ford oder Harvey Nichols in die Welt geschickt.“

Natürlich war ich selber etwas verblüfft, während sich in den Anfangsjahren von meiner Sammelleidenschaft meine Kenntnisse über Schaufensterpuppen allmählich vertieften, als ich erfuhr, dass die meisten Mannequins von der Edelmarke Adel Rootstein Kopien von echten Models sind – in Kunstharz gegossen. Inzwischen besitze ich mehrere dieser Schönen, welche einst über die berühmten Laufstege der Welt stakten, u.a. Yasmin le Bon, die sich liegend auf meiner Empore räkelt.

Blogbeitrag über Yasmin le Bon

„Ralph hat wieder Yasmin bestellt. Schmaler Kopf, klassische Gesichtszüge, perfekte Brüste. Erst Mitte zwanzig, aber schon ihr ganzes Leben lang im Geschäft. Mal soll sie nur dastehen, mal die Hände in die Hüfte stemmen. Meistens hat sie lange Haare, manchmal trägt sie große Ohrringe, immer ist sie leicht gebräunt, Nuance »Macoccino«.“ heisst es im oben verlinkten Artikel der SZ. Mit „Ralph“ ist Ralph Lauren gemeint, ein berühmter Modedesigner aus den USA.

„Ralph ist der amerikanische Designer Ralph Lauren, und wenn er Anfang September eine neue Boutique in New York eröffnet, hat dort eine ganze Armada von Carolines und Yasmins zu stehen. Aufwendige Haare, natürliche Augen, volles Make-up – sie sehen wirklich fast aus wie echte Models. »Sie sind nur ein bisschen weniger zickig«, sagt Kevin Arpino mit einem Grinsen. Arpino, Anfang sechzig, ist der Kreativdirektor von Adel Rootstein, einer der bekanntesten Manufakturen für Schaufensterpuppen. Arpino hat Hunderte von ihnen entworfen. Modelliert werden sie nach dem Vorbild echter Models, nach Twiggy aus den Sechzigern oder Pat Cleveland aus den Siebzigern – oder, wie »Yasmin«, nach Yasmin Le Bon, dem britischen Topmodel der Achtziger, das mit Simon Le Bon verheiratet ist, dem Sänger von Duran Duran. Anschließend werden die Kopien aus Fiberglas in die Welt verschickt. Wo sie dann sieben Tage pro Woche in den Schaufenstern stehen, rund um die Uhr, ohne mit der Wimper zu zucken.“ (siehe Link)

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Echt und Kopie: gleiche Pose, gleiches Kleid und identische Schuhe (Bild oben). Nur die Haut- und Haarfarben differieren und lassen den Schluss zu, dass es sich links um die Schaufensterpuppe handelt.

„Was gilt denn in der Branche derzeit als schön, was für Puppen sind gefragt? »Mehr Make-up, mehr Haare, mehr Pose«, sagt Kevin Arpino, der sich damit selbst nicht besser beschreiben könnte. Er trägt das ganze Jahr gut gebräunten Teint, Undercut-Frisur, schwarze enge Jeans. Mit seiner durchgerauchten Stimme sagt er: »Die guten Mädchen müssen sich wieder abheben von all den gesichtslosen Puppen da draußen.« Denn bis vor Kurzem waren vor allem die »Abstrakten« gefragt, wie sie in der Branche heißen: Schaufensterpuppen ohne Gesichtszüge, ohne Ohren, ohne Haare. Sie sollten nicht ablenken von der Kleidung, sich jedem Stil anpassen. Nicht durch Hautfarbe und Körperform zu sehr einen Typ Kunden ansprechen – und andere abschrecken. Außerdem sparte man sich die ewigen Streitfragen: Zähne oder keine Zähne? Stilisierte oder echte Haare? Brustwarzen sichtbar: ja/nein?“ 

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Reparatur und Headchange: drei sitzende Iras von Adel Rootstein werden erneuert, d.h. durch ein Make-Over wieder für ein Schaufenster aufgepeppt. Die zwei Figuren links tragen skulpturierte Haare, wonach keine Perücke mehr notwendig ist. Bei Sammlern sind solche nur sehr selten anzutreffen.

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Von einigen Sammlern sind speziell frisierte Hartschalenperücken von Adel Rootstein sehr beliebt. Im Bild wird ein Torso einer Ulla bei Rootstein mit einer Kurzhaarperücke gestylt. Weitere Informationen über Ulla van Zeller im Link unten:

Blogbeitrag über „Ulla van Zeller“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Violetta Sanchez, die legendäre Muse von Helmut Newton und YSL

Jeder Begriff kann auf verschiedene Weise ausgesprochen werden, wogegen der Tonfall und die dabei erzeugte Mimik im Gesicht ihm Nachdruck verleiht, vor allem Exklusivität vermittelt, wenn es um hochwertige Produkte, oder aussergewöhnliche Persönlichkeiten geht. Gerade in der französischen Sprache wird mit gewissen Betonungen auf Umstände hingewiesen, die lediglich einer bestimmten elitären Gesellschaftsschicht zugestanden werden, sozusagen der Bourgeoisie. Schon dieses Wort wird mit einem spitzen Mund und halb geschlossenen Augen, theatralisch und etwas arrogant wirkend ausgesprochen und man hebt das Kinn dabei etwas in die Höhe, während einer gekünstelten Streckung vom Hals. Adel verpflichtet. Man sagt ja in gehobenen, vornehmen Kreisen nicht: „ich habe beinahe die Fassung verloren“, sondern „ich habe beinahe die contenence verloren…… mais oui!“ Ein Couturier ist dann im Olymp der Modeschöpfer angekommen, wenn nur noch seine Initialen geschrieben werden müssen, um unzweifelhaft ihn als einer dieser Modezaren zu identifizieren, die Geschichte geschrieben haben. YSL, Yves Saint-Laurent war eine solche Koryphäe und meine Mutter hörte ich diesen Namen oft aussprechen, beinahe flüsternd, mit ehrfurchtgebietender Stimme, als sei er ein Heiliger. Man bestellt ja im Restaurant auch nicht lauthals einen Château Lafite-Rothschild 1990, so als wäre es ein Bier. Diese Flasche kostet im Internet mal knapp CHF 10’000.-. Diese Namen flüstert man. So verneigten wir Fotografen ende der 70er- und anfangs der 80er-Jahre uns vor Helmut Newton, einem Avantgardisten in der Mode- und Aktfotografie. Wir waren beindruckt von seinem künstlerischen Schaffen und von seiner Sichtweise der Frau, die ganz im Kontrast zum verblassenden Clichée der 50er- und beginnenden 60er-Jahre war. Wie Salvador Dali und andere Maler und bildende Künstler, liessen sich auch einige berühmte Fotografen von ihren Musen inspirieren. Dazu gehörte Helmut Newton mit seiner Muse Violetta Sanchez. 2008 wurde ein Fotoband von ihm bei Christie’s für US$ 43’000.- an einer Auktion aus einer Privatsammlung versteigert. Inhalt: Aktaufnahmen seiner Muse Violetta Sanchez, zwischen 1979 und 1997.

Christies sale 2113, Helmut Newton, Violetta Sanchez (exklusiver Fotoband)

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bellazon.com _ Aktfoto von Violetta Sanchez (Bild Helmut Newton)

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Violetta Sanchez (links) in der selben Pose, wie die nach ihrem Vorbild als Model gemachten Schaufensterfigur von Adel Rootstein, BB12. Foto: Helmut Newton

bellazon.com _ Violetta Sanchez mit Schaufensterfigur. Bild Helmut Newton

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The two Violettas in bed. Helmut Newton, Paris 1991

Die Bildkompositionen in Schwarz & Weiss von Helmut Newton zeigen Violetta Sanchez in einer Pose, wie bei einer durch Adel Rootstein von ihr gemachten Schaufensterfigur, oder „face to face“ im Bett liegend, mit demselben Mannequin-Double aus Kunststoff.

In beeindruckenden Fotos wird Newton’s Muse zu seinem Modell, ob nackt, oder angezogen. Violetta Sanchez tritt auch für YSL, sowie für Thierry Mugler und für viele andere vor die Kamera und wird so weltberühmt.

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1991. Violetta Sanchez trägt Haute Couture von Yves Saint Laurent. Fotos: Helmut Newton

bellazon.com _ Violetta Sanchez, YSL (Fotos Helmut Newton)

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bellazon, Violetta Sanchez vor dem Spiegel im Spielfilm „Tränen in Florenz“.

„Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?“ wird sie vielleicht gedacht haben…. Wer weiss. Schon manche Frauen liessen sich eine solche Nase operieren, die dem Gesicht ein gewisses markantes Profil gibt, wie bei Violetta Sanchez. Diese macht sie unverwechselbar und sie wurde zu ihrem Markenzeichen, neben dem enormen Charisma, welches ihre gesamte Erscheinung umweht.

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Violetta Sanchez, Yves Saint Laurent. Foto Helmut Newton, 1982

facebook, Violetta Sanchez für YSL, Foto Helmut Newton

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Foto Helmut Newton

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facebook, Violetta Sanchez, Mannequin

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Violetta Sanchez aus der Serie Barbelles von Adel Rootstein wurde von David (dashndazzle) komplett überarbeitet und restauriert. Man nennt dies ein sog. „Makeover“. Sehr schön gemacht und sehr stimmig mit dem Stil einer Flamencotänzerin.

flickr, Violetta Sanchez, Dashndazzle

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Annie aus der Serie „Girl Thing“ von Adel Rootstein mit der Nummer AR01, in drei Varianten

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flickr Jim J. Annie, Rootstein, Girl Thing, AR 01 B

Schon Jahre bevor dieses Bild einer Annie von Adel Rootstein im Internet zu sehen war, kannte ich die Serie „Girl Thing“ und war von ihr begeistert. Doch als ich diese Annie von Jim entdeckte, haute es mich fast vom Hocker. David von dashndazzle in den USA hat sie komplett restauriert; ein wahrer Künstler!

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Annie von Adel Rootstein gibt es auch in einer komplett restaurierten Version von Dashndazzle. Makeup von David Costa (USA).

flickr, dashndazzle, Annie, Adel Rootstein

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Ob mit Stirnfransen, Seitenscheitel, blonden, oder roten Haaren: Annie kann man in sehr unterschiedlichen Arten stylen – und sie sieht immer toll aus! Sogar in einem Dirndl!

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Annie mit feschem Dirndl am Münchner Oktoberfest

flickr, Jim J., Annie, Rootstein, Dirndl, Oktoberfest

Die Annie gibt es in drei verschiedenen Posen, wobei der Unterschied minim und nur auf den linken Arm beschränkt ist. Bei der Seriennummer AR01 ist der Arm am Torso anliegend und die Hand auf den Oberschenkel gestützt, während bei der AR01 A + B die Arme vom Körper abstehen und zwei verschiedene Handhaltungen erkennbar sind.

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Meine Annie AR01 B aus einem Dekorationsgeschäft, welches schliessen musste, hat leichte Lackschäden, leider auch an der Lippe. Dafür kostete sie mit der Standplatte (Wadendorn) zusammen nur rd. EUR 40.-. Da kann man wirklich nicht meckern. Sie besitzt die Originalkolorierung von Adel Rootstein im Hauttyp „Scandinavian“ und auch das Original-Makeup, welches oft von Sammlern modifiziert wurde, um dem Gesicht einen leicht markanteren, stärkeren Ausdruck zu verleihen.

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Sie besitzt für mich einen ganz persönlichen, speziellen Wert, denn sie war eine der am Ende der Verkaufsaktion in einem Dekorationsgeschäft noch verbliebenen Mannequins und bei ihr war eine falsche, rechte Hand irrtümlicherweise montiert worden. Von über 170 Figuren war sie noch eine der rd. zwölf übrig gebliebenen Schaufensterpuppen. Die anderen waren alle weg. Ich hatte damals bereits einige Rootstein, Hindsgaul, New John Nissen und Bonami angekauft. Als Rest verblieben etwa 5 Rootsteinfiguren, davon zwei Sile MG3’s und die Annie mit falscher Hand….. Ich kaufte eine von diesen Sile’s, bat die Verkäuferin darum, in einem etwas von diesem Geschäft entfernten Holzschuppen nach der Originalhand zu suchen. Die blickte mich nur etwas verwirrt an: „Originalhand?“. Aufgrund des Katalogbildes wusste ich, wie sie auszusehen hatte, befürchtete aber diese kaum mehr in diesem staubigen Aussenlager aufzufinden. Dort standen mal über 150 Figuren, die zum Teil mit falschen Teilen an- und entsprechend fehlerhaft ausgeliefert wurden. Meine Face line (Rootstein) von dort hat auch zwei „falsche“ Arme. Nun gab es dort noch drei Schaufensterpuppen von Rootstein, wobei zwei komplett defekt waren und bei der dritten Figur Teile fehlten…..; am Handgelenk rechts aber fiel mir eine Hand unmittelbar auf, welche mir bekannt vorkam, diejenige von Annie 01 B. Ich ging mit dieser Hand zum Laden zurück, tauschte an der Annie die rechte Hand und so war es wie ein kleines Wunder, dass doch noch sämtliche Originalteile zueinander gefunden hatten. Dieses Jahr kam nun noch eine Annie 01 B dazu, diejenige von Ralf Bischoff, wie man unschwer am wunderschönen, selbstgemachten Makeup von ihm sofort erkennen kann. Auch die Kolorierung der Brustwarzen gehörte bei ihm zum sog. „Makeover“, zur sanften Restaurierung. Eine gute Bekannte hatte Geburtstag; nun steht sie dort und ist inzwischen auch gestylt worden (Fotos folgen).

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