Von den Schwierigkeiten ein Mannequin zu bestimmen. – Jamarico und das Rootstein Mannequin LS08, Alessandra Signorelli

Spätsommer 1990. Ich war in meiner Geburtsstadt Zürich einmal mehr „uf dr Leutsch“, womit ein Satz unter Verwendung von Schweizer Dialektwörtern absichtlich hier verwendet wird, weil er mir kaum übersetzbar scheint, aber genau die Tätigkeit beschreibt, welche ich an jenem Tag ausübte. Mit meiner Mittelformat-Fotokamera Rollei SLX 1000 war ich in den leeren Strassen an einem Sonntagmorgen unterwegs; zwar entschlossen ein paar Testbilder von der Stadt zu machen, die ich danach meinem Auftraggeber zeigen würde, dem Münchner Verlag, der über europäische Grossstädte Bildbände herausgab und beabsichtigte mit mir als professionellen Fotografen ein Buch über Zürich zu machen, aber ohne genau festgelegte Route. Es war eine Art umherziehen, aber nicht ganz planlos, sondern eher wie bei einem Orientierungslauf, bei dem man verschiedene Stationen auf einem eher beschwerlichen Weg abarbeitet (= Leutsch). Natürlich gehörte das Niederdorf dazu, welches ich gut kannte. Ich versuchte die Atmosphäre dieser pulsierenden Fussgängerzone im Herzen von Zürich einzufangen, welche an manchen Orten deutliche Kontraste in unserem Kulturverständnis zeigte, wie sonst nirgends. In diesem Schmelztiegel begegneten sich Herr Biedermann von der nahen Bank mit Anzug und Krawatte, auf dem Weg zum Lunch mit einem seiner Geschäftspartner, und der Punk mit Irokesenfrisur, Lederjacke und viel Metall gepierct am ganzen Körper. Dieser Gegensatz wollte ich in ein einziges Bild packen und entdeckte plötzlich diese beiden Schaufenster nebeneinander, in welchen links traditionelle Brautmode ausgestellt war und auf der rechten Seite des Fassadenausschnittes in der Auslage von Jamarico ein Mannequin mit punkiger Lederbekleidung und einem Mikrofon in der rechten Hand, so als stünde sie auf einer Bühne eines Musikfestivals. Reizvolles Bild; wie bei „die Schöne und das Biest“ – laut und leise. An der Fassade in der Mitte hing noch ein Flugblatt mit der Ankündigung eines Konzerts der Schweizer Rockgruppe Polo Hofer Schmetter-Band.

Das Bild verschwand in meinem Archiv; fast 30 Jahre ist das her und es kam erst kürzlich und mehr zufällig beim Blättern in Archivaufnahmen zum Vorschein. Mit heller Freude stellte ich rasch fest, dass dort eine Adel Rootstein aus der Serie „Lipstick & Compact“ mit der Seriennummer LS08 stehen muss, denn diese Pose kenne ich sehr gut, darf ich doch inzwischen eine Alessandra Signorelli zu meinen Highlights in meiner Sammlung zählen. Zwar hat die LS08a, die Dianne de Witt mit dieser Seriennummer, die genau gleiche Pose, wonach man letztlich nur nach dem Gesicht den Unterschied erkennen kann, was auf diese Distanz und wegen der Sonnenbrille bei der Bestimmung des Mannequins erschwert ist.

Alessandra (Ivan) 01.jpg

Aber die markante Nase hat sie verraten. Niemals hätte ich vor 30 Jahren nur im Traum gedacht, dass einmal diese Figur in meiner Wohnung stehen würde!

Alessandra Signorelli aus der Serie Lipstick & Compact von Adel Rootstein mit den Seriennummern LS7 und LS8 – Faszination Mannequins – Schaufensterfiguren aus fünf Jahrzehnten (faszination-mannequins-schaufensterfiguren.blog)

Die linke Figur ist so mit Hochzeitskleid und Schleier verhüllt und die Konturen des Gesichts dermassen schlecht erkennbar, dass mir nur eine vage Vermutung bleibt. Es scheint, als handle es sich aufgrund diverser Kriterien um eine ältere Schaufensterfigur aus den 60er-Jahren von Moch, die sich für Hochzeitskleider besonders gut eignet (wegen der schmalen Taille). Das eher ovale, puppenhafte Gesicht spricht dafür, sowie die Armstellung (wg. kreisrunder Achselkupplung), die etwas unnatürlich wirkt. Hingegen wäre auch eine ältere Hindsgaul aus den 60er- oder 70er-Jahren denkbar.

Diese von mir letztes Jahr angekaufte Schaufensterfigur wurde Ende der 50er-Jahre in Deutschland von der Manufaktur Moch hergestellt und ist in einem sehr guten Zustand. Sie wird auf Höhe der Taille geteilt.

Beim googeln im Internet fand ich eine etwas unscharfe Aufnahme vom Musik- and Fashionladen Jamarico (vermutlich aus den 80er-Jahren), mit vier in Reih und Glied stehenden Mannequins im Schaufenster. Doch die schlechte Qualität des Bildes verunmöglicht eine Bestimmung. Als der Laden Jahre später schloss, standen zwei Mannequins im Schaufenster….

Rechts vermutlich eine Loutoff (was aufgrund der schlecht ausgeführten Füsse, der verchromten Standplatte und dem verchromten Wadendorn naheliegend ist). Bei der linken Figur gut erkennbar, die quadratische Glasstandplatte mit dem Fussdorn aus Metall, was zwar kein Beweis, aber ein deutliches Indiz dafür ist, wonach es sich um eine Adel Rootstein Figur handeln könnte, die ich aber nicht kenne. Aufgrund des runden Fussdorns mit den vier Flügeln, kann man bereits alle Hindsgaul-, Almax-, Moch- Arthema-, New John Nissen-, sowie Schläppi- und Mitnacht-Figuren ausschliessen. Es bleibt dennoch äusserst anspruchsvoll, ältere Schaufensterfiguren nur anhand von Fotos zu bestimmen.

Hindsgaul Deauville und „Das Kleine Schwarze“ – Der Bezug zu Coco Chanel

„Eine klare Definition, was ein Kleines Schwarzes ist, gibt es nicht. Grundlegend ist es eng und körpernah geschnitten und maximal knielang. Gerade das ist seine Chance, denn damit ist es nach persönlichem Geschmack veränderbar.“ schrieb die „Welt“ in einem Artikel unter dem Titel „Die Wunderwaffe, die jede Frau besitzen sollte“.

Das Kleine Schwarze: Die Wunderwaffe, die jede Frau besitzen sollte – WELT

Das „LBD“ (Abkürzung für „Little Black Dress“) wurde 1926 von der berühmten Modedesignerin Coco Chanel entworfen, was aus dem Blickwinkel damaligen Stilbewusstseins ein Skandal war. Heute hänge in jedem Kleiderschrank einer Frau ein Kleines Schwarzes behauptet eine Modezeitschrift, wobei sie nicht allzu falsch liegen dürfte. Das vor 95 Jahren entwickelte Kleidungsstück ist ein Designklassiker geworden und nachdem Karl Lagerfeld in den 80er-Jahren des 20. Jh. durch neue Kollektionen, jene damals etwas angestaubte Firma wieder zu neuem Glanz verhalf, mutierte sie zu einem weltumspannenden Imperium hochwertiger Mode mit einem Umsatz von jährlich über 9 Milliarden Euro.

Das Kleine Schwarze von Coco Chanel Coco Chanel: Schwarzes Kleid wird zur Ikone der Moderne, 360 ° Video, Museum für dekorative Kunst Paris – HiSoUR Kunst Kultur Ausstellung

(122) How did the black dress become an icon? | Musée des Arts Décoratifs | #GoogleArts – YouTube

„Stile und Materialien unterschieden sich für Tag und Abend. Abendversionen des “kleinen schwarzen Kleides”, das eher ärmellos war, bestanden häufig aus geschichteter Spitze oder Seidenchiffon mit asymmetrischen Säumen und Rundhalsausschnitten.“ Das TIME-Magazin wählte Coco Chanel zu den 100 einflussreichsten Personen des 20. Jahrhunderts, was sonst kein Designer in dieser Branche schaffte. 1913 eröffnete sie ihr erstes Geschäft im kleinen Dorf Deauville in der Normandie (Nordfrankreich), das damals bereits seit 1860 zu einem noblen Ferienort am Meer geworden war, mit Luxushotels, Casino und Pferderennbahn. Um diese Zeit entstanden dort die beiden Hotels „Le Royal“ und „La Normandy“, „die ein Symbol für Glamour, Pracht, Luxus und Eleganz“ (Deauville – Wikipedia) waren und den Ort bis heute noch charakterisiert.

Mannequin im Kleinen Schwarzen auf einer Seite des Hindsgaul-Kataloges von der Serie „Deauville“

1990 lancierte Hindsgaul eine Serie Schaufensterfiguren unter dem Namen „Deauville“, womit der Mannequinhersteller einen Bezug zum noblem Ort am Ärmelkanal herstellen zu wollen scheint (was äusserst naheliegend, wenn auch nicht ganz gesichert ist…). Im Gegensatz zu vielen SammlerInnen bin ich ein sehr begeisterter Deauville-Fan, der auch über die Tatsache hinwegsehen kann, dass Hindsgaul bei der Modellierung der beiden Kopfvarianten (Nummern 19 und 20) Gesichter auswählte die sehr polarisieren, zwischen Anhängern, die der Meinung sind sie sei hässlich und anderen, die finden, sie besitze einen stolzen und anmutigen Ausdruck.

Katalogseite mit vier Modellen (Posen) aus der Serie „Deauville “ von Hindsgaul

Ich finde die Posen sehr glamourös. Vor allem – das gefällt mir am meisten – ist die Deauville sehr wandelbar. Bei Massimo wirkt sie sehr sinnlich, verspielt und traumversunken…..

flickr Massimo. Link z.Z. nicht verfügbar

…; bei einem anderen Sammler wurde sie als strenge Nonne verkleidet:

Link wird zeitnah nachgeliefert…

Über meine Deauville’s werde ich einen eigenen Beitrag hier veräffentlichen (demnächst)….

Khadija (Kate) Adam Ismail: Miss Kenia 1984, Muse von YSL und Halbfinalistin bei der Miss World-Wahl 1984

Gleichauf mit der Schweizerin Silvia Affolter zog die Miss Kenia 1984 Khadija Adam im selben Jahr ins Halbfinal der Miss World-Wahl ein.

Miss World 1984 – Wikipedia

In den 80er-Jahren war sie eines der gefragtesten Top-Models (siehe ihre Set-Karte bei der weltberühmten Agentur Elite in New York).

SASHES AND TIARAS…..Khadija Adam, Miss Kenya, Miss World Continental Queen of Africa, YSL Muse | Nick Verreos (nickverrreos.blogspot.com)

Khadija Adam – Gallery with 19 general photos | Models | The FMD (fashionmodeldirectory.com)

Khadija war angeblich lange die Muse von Yves Saint Laurent (YSL), von einem der berühmtesten Modedesignern der Welt und „Koriphäe auf dem Gebiet der gehobenen, eleganten Damenmode“, wie es in Wikipedia heisst.

Yves Saint Laurent – Wikipedia

Es heisst Khadija gehöre dem afrikanischen Stamm der Kikuyu an, spreche deren Sprache und Swahili, Somalisch, Englisch und etwas Arabisch. Sie sei halb Kenianerin, halb Somalierin, wie es ebenda heisst; wonach aber eine längere Diskussion über ethnische Zugehörigkeiten in diesem Forum (siehe Link) entbrannte.

Miss Kenya 1984 Khadija Adams | Lipstick Alley

Nach dem tragischen Unfalltod ihres Freundes Roland Ratzenberger, der im Formel 1-Training einen Tag vor dem Tod Ayrton Senna’s in Imola starb, soll sie sich etwas unrühmlich verhalten haben, wie in einem Artikel der Auto-Bild nachzulesen ist.

Formel 1: Ratzenberger – Teil 2: „Schumacher-Schicksal schlimmer“ – autobild.de

Coupure de presse Clipping 1994 (3 pages) Khadija ,la princesse de ratzenberger | eBay

Im obigen Bild ist Khadija in einem knielangen Animal-Print-Kleid (was heute wieder total in ist) von Yves Saint Laurent auf einer Haute Couture Modenschau abgebildet, flankiert von den beiden Models Ludmila Isaeva und Sylvie Gueguen.

Mit einer goldenen Daunenjacke von der Edelmarke „Moncler“ war sie 1986 für ein Fotoshooting vor die Kamera getreten, das in der amerikanischen ELLE abgebildet war.

Khadija: eine wunderschöne Frau mit einer ganz speziellen Ausstrahlung.

Pinterest Khadija

Dieses Geheimnisvolle, das sie umgibt, mit der Exotik kombiniert, kommt im Haute Couture Kleid von Christian Lacroix (oben) von der Herbst / Winter-Kollektion 1988 / 1989 sehr schön zur Geltung. Sie wirkt wie eine zerbrechliche Blume.

Khadija Adam gibt es als Mannequin von Adel Rootstein, mit der Seriennummer S5, innerhalb der Serie „Solo“. Nachdem ich (wie angekündigt hier im Blog) die Khadija geputzt und eines an ihr repariert hatte, bekam sie von mir einige zu ihr sehr gut passende Kleider, wie diese traditionelle, arabische, goldene Bluse mit Stickereien, oder den sehr ansprechenden Safari-Look, ebenfalls mit einem Schal in Animal Print lässig um die Hüften gewickelt.

Khadija von Adel Rootstein, aus der Serie „Solo“, mit der Nummer S5 – Faszination Mannequins – Schaufensterfiguren aus fünf Jahrzehnten (faszination-mannequins-schaufensterfiguren.blog)

Die Nr. 8813 (und die Nr. 8816) aus der Serie „La femme“ von Hindsgaul

Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten; so hat jede Sammlerin und jeder Sammler von Mannequins seine Lieblingsfiguren und bevorzugten Serien von bestimmten Herstellern. So soll es auch sein. Ich staune manchmal einfach über mich selber, wie sich Präferenzen auch verschieben und verändern können und mir plötzlich gewisse Schaufensterfiguren gefallen, für die ich zuvor kein Interesse zeigte. So ging es mir mit der Nr. 8813 von Hindsgaul aus der Serie „La femme“. Schon die Bezeichnung der Serie „La femme“, was schlicht soviel wie „Die Frau“ bedeutet, ist aus meiner Sicht zwar einprägsamer als andere Namen, aber ziemlich einfallslos. Da war sogar die Firma Hindsgaul selber zehn Jahre früher (1972) mit der Serie „Gazelle“ kreativer. Damit sind natürlich nicht nur diese flinken, schlanken und langbeinigen Tiere in der afrikanischen Serengeti gemeint, sondern auch die „Ghazala“, oder „Ghuzela“, wie sie je nach Dialekt im arabischen Raum genannt werden, d.h. die anmutigen, lieblich anzuschauenden weiblichen, zweibeinigen, wie Gazellen sich bewegenden Wesen dieser Gattung, welche wir Menschen nennen. „Ghazala“ ist im Arabischen ein Kosewort für eine besonders attraktive Frau. „La femme“ ist so nüchtern, so ohne Adjektiv.

http://kosenamen

Eine Hindsgaul „La femme“ einer Kollegin stand kürzlich zum Verkauf (* VINTAGE HINDSGAUL La Femme wie ROOTSTEIN * SCHAUFENSTERPUPPE* MANNEQUIN – EUR 89,00 | PicClick DE)

Vor über fünf Jahren kaufte ich mir günstig meine erste „La femme“ im Internet und als ich sie bei mir zuhause genauer unter die Lupe nahm, hielt sich meine Begeisterung in Grenzen. Der Blick wirkt auf mich leicht hypnotisch, fern, wie abwesend und die Nasenflügel erinnern mich ein wenig an die Nüstern eines Pferdes. Diese haben ja auch eine Körpersprache, was hiesse: Alarmzustand, bereit zur Flucht!

Körpersprache von Pferden (tiergesund.de)

Während eine Sammlerkollegin mir wenig später von der „La femme“ in den schwärmerischsten Worten über die Schönheit dieser Figuren deren Vorzüge aufzeigte, war ein Kollege der selben Meinung wie ich, meinte sogar zynisch und ziemlich trocken, dass die asiatische Kopie der Billigmarke Loutoff von der Hindsgaul „La femme“ Nr. 8812 sogar schöner sei als das Original… (siehe Link).

Loutoff kopiert Hindsgaul – ROS2 vs. 8812 – Faszination Mannequins – Schaufensterfiguren aus fünf Jahrzehnten (faszination-mannequins-schaufensterfiguren.blog)

Im hier verlinkten Blogbeitrag ist der ROS2-Klon dem Original von Hindsgaul (Nr. 8812) gegenübergestellt.

Vor rd. zwei Jahren sah ich ein Insert im Internet und ich erkannte auf dem Bild sofort, dass es eine „La femme“ sein musste – durch die Merkmale von Augen, Nase, Mund natürlich unverkennbar! Als ich dann bei der Verkäuferin in Basel vor der Figur stand, entdeckte ich plötzlich etwas, was ich vorher nicht gesehen hatte und ich auch kaum in Worte fassen kann (siehe weiter unten).

Hindsgaul „La femme“ Nr. 8813 und 8814, Katalogbild von 1982. Hindsgaul mannequin La Femme | Flickr

Die Figur von Hindsgaul „La femme“ mit der Seriennummer 8813 (links im Bild der Katalogseite, siehe oben) nimmt eine faszinierende, ausdrucksstarke Pose ein. Das rechte Bein angehoben, auf einem Quader abgestützt, mit einem Blick, welcher das gewonnene Selbstbewusstsein der Frau der frühen 80er-Jahre repräsentiert. Das war genau das Signal, die Botschaft und das Entscheidende, im Unterschied zu sämtlichen Serien der damaligen Vergangenheit. Die Frau im neuen Jahrzehnt durfte cool, unnahbar, eigenständig und unabhängig sein. Die noch angepasste, stille Prinzessin Diana, Gemahlin von Prinz Charles, heiratete 1981. Sie wurde später für viele Frauen zur Identifikationsfigur, worin auch der Anspruch nach Gleichberechtigung, d.h. Emanzipation und Mündigkeit sich in einer ganzen Kette an neuen Bedürfnissen widerspiegelte. Die „La femme“, die souverän über die Schulter schaut, den Blick abwendet, strahlt erstmals diese Unnahbarkeit aus, welche sich von zuvor produzierten Schaufensterfiguren aller Marken unterscheidet. Die „La femme“ ist sodann stellvertretend für eine Zeitenwende, nach welcher die Frau sich innerhalb unserer Gesellschaft anders und mit viel mehr Gewicht (sprich Mitspracherecht) einbrachte; und wenn man aus diesem Blickwinkel den Artikel „La“ auf der ersten Silbe betont und gross schreibt, heisst es eben nicht „Die Frau“, sondern „DIE (unabhängige) Frau!“ Es ist das Signal für einen Lebensentwurf, mit völlig neuen Perspektiven, in denen das bis zu jenem Zeitpunkt so genannte „schwache Geschlecht“ (die Frau am Herd) plötzlich erstarkt, sich aus der antiquierten, konservativen Vorstellung erhebt. Die „La femme“ ist nicht einfach nur eine Puppe aus Fiberglas, sondern sie verkörpert die Morgenröte eines gesellschaftlichen Umdenkprozesses, der inzwischen weit fortgeschritten, wenn auch noch nicht abgeschlossen ist. Die Hindsgaul „La femme“ ist die allererste Schaufensterfigur, die in einer Haltung verharrt, in der sie ein zusätzliches Accessoire – in diesem Fall einen Kubus am Boden – benötigt, um ihr in ihrer Pose die nötige Aufmerksamkeit zu verleihen (natürlich auch, um den Blick auf die zum Verkauf stehende Mode zu richten).

Hindsgaul „La femme“ Nr. 8813-8816 / Originalkatalog 1982 la femme/for jim | serge o | Flickr
20190527_122426-02 | Hindsgaul La Femme 8813 | MC Collection | Flickr

Nachdem ich mich entschieden hatte, die 8813 definitiv in meine Sammlung zu integrieren, entdeckte ich eines Tages in einem Brockenhaus (Gebrauchtwaren) einen transparenten Plastikkubus mit Innenlicht und ohne zuerst auszumessen wusste ich intuitiv sofort, dass er für sie perfekt sein würde. Passt perfekt!

Profilstudie der 8813 (Hindsgaul „La femme“ / 20190507_161755 | Easy to identify… Just one mannequin have … | Flickr

Wie man relativ gut erkennen kann, differieren die Armstellungen im Katalog weiter oben. D.h. durch die kreisrunde Schulterkupplung sind sämtliche Arme untereinander passgenau austauschbar – sogar über diese Serie hinaus, aber nur in dieser Produktionsepoche (dazu gehört z.B. „International“).

20200611_204340 | Hindsgaul 8813 | MC Collection | Flickr

Als Nächstes entdeckte ich in ihrem Profil und in der Körperhaltung etwas sehr nachdenkliches, melancholisches. Ja, sie schien mir unnahbar, irgendwo in Gedanken weit in die Ferne schweifend, wenn nicht gerade entrückt aus dieser Welt. Erst als dieses rötlich-orange Licht, wie im Widerschein eines Feuers, ihre eigentlichen Gesichtszüge zeigte und sich die Falten des bordeauxroten Kleides aus Satin um ihren Körper schmiegten, als wäre sie einem Bild des italienischen Kunstmalers Michelangelo Merisi da Caravaggio entsprungen, verstand ich in einem noch erweiterten Bereich, welch unaussprechliche Schönheit in diesem Mannequins verborgen ist, die man entdecken und mit einem akkuraten Styling herausarbeiten kann. Mit dem Gestaltungsmittel des sog. Chiaroscuro-Effektes, kann man ausdrucksvolle Stimmungen erzeugen, was sehr gut zu dieser Figur passt.

flickr Tommy mit einer „La femme“ Who is this Beauty of a Mannequin ! | Tommy | Flickr

Mit dieser Hindsgaul „La femme“ 8816 bringt der US-amerikanische Sammler Tommy das was ich nicht erschöpfend in Worte fassen kann auf den Punkt. Weil einige „La femme“-Figuren eher exaltiert wirken und die 8816 in überzogener Weise entspannte Ratlosigkeit verkörpert, will man die so in einer Zeitkapsel eingefrorenen Augenblicke mitmachen, durch Adaption von Mimik und Gestik etwas mehr von der Ausstrahlung verstehen. Die ewige Frage „Wer bin ich?“ überträgt sich da in einem fast ironischen Unterton: „Wer ist diese Schöne hier, dieses Mannequin?“ Vom Russen Serge O bekam er Antwort, denn er wusste wirklich nicht, dass er neben einer Hindsgaul „La femme“ 8816 sitzt.

Es erinnert mich ein wenig an den sog. Mannequin-Challenge Hype, der sich vor einigen Jahren über die sozialen Medien rund um den Globus ausbreitete.

Mannequin-Challenge – Wikipedia

Wer liegt da bei Topshop in einem Londoner Schaufenster neben Kate Moss? Genau: die RF 05…

Subscribe to read | Financial Times (ft.com) (Bild „Financel times“ Topshop’s demise is the end of an era“)

Das neue „GALA“-Magazin vermeldet die Pleite und den Verkauf von einem der unter jungen Modebewussten bekanntesten britischen Labels mit dem Titel: „Die Party ist leider vorbei.“

Keine Geringere als das Supermodel Kate Moss, eine Laufsteg-Ikone seit den späten 80er-Jahre, entwarf 14 verschiedene Kollektionen für TOPSHOP, einem Geschäft mit über 500 Filialen weltweit. Nun ist die Firma pleite und angeblich für 300 Millionen Euro verkauft worden. Aber als Sammler von Mannequins und Besitzer einiger wunderschöner Rootstein-Figuren, ist mir die blonde Schöne links im Bild im roten Kleid (Kate Moss) nicht einmal zuerst aufgefallen. Mein Blick richtete sich sofort auf die liegende Schaufensterpuppe, welche unter dem Schriftzug aus lila Neonröhren „TOPSHOP“ in einem Londoner Schaufenster am Oxford Circus 2007 präsentiert wurde. Es ist eine Rootstein RF 05 Yasmin le Bon, mit heller Hautfarbe. Sie ist meiner Meinung nach eine der schönsten Figuren aus dem Hause Rootstein.

Yasmin le Bon von Adel Rootstein aus der „Frieze“-Serie mit der Seriennummer RF 05 bekam nach dem Kauf eine orignale Hartschalenperücke von Rootstein mit dem Aufdruck RF 05; also eine, die extra für dieses Mannequin hergestellt wurde.

Yasmin ist atemberaubend, Man kann sie noch in der etwas dunkleren Version mit mediterranem Teint bewundern:

Yasmin Le Bon – Liegendes Mannequin aus der Serie „Frieze“ von Adel Rootstein, Nr. RF 05 – Faszination Mannequins – Schaufensterfiguren aus fünf Jahrzehnten (faszination-mannequins-schaufensterfiguren.blog)

Gedränge von Pressefotografen und Fans vor dem Schaufenster von TOPSHOP 2007. Ganz rechts am Rand des Bildes erkennt man eine liegende Schaufensterfigur: die Yasmin le Bon RF 05 von Adel Rootstein aus der „Frieze“.Serie.

Vor diesem, oben erwähnten Schaufenster von TOPSHOP kam es beim Auftritt von Kate Moss zum Massenauflauf.

British model Kate Moss wears clothes in her Kate Moss clothing range collection at a window of the Top Shop clothing store in central London April 30, 2007. (REUTERS/Toby Melville (BRITAIN)

Die schöne Kate im roten Kleid, welches ebenfalls aus ihrer eigenen Kollektion stammt, posiert für die Pressefotografen auch neben einem anderen schönen Rootstein-Mannequin, die ich aber nicht eindeutig identifizieren kann (sie stammt womöglich aus der „Pizzazz“-Serie).

Wesentlich einfacher sind die beiden Rootstein-Figuren aus der „Girl Thing“-Serie zu identifizieren: links die AR 08 mit dem gestützten linken Arm auf der Handfläche des rechten Arms und die AR 07 (rechts) mit den beiden Händen auf den Oberschenkeln – beides Ira’s. Sie standen 2012 in einem Schaufenster von TOPSHOP zum Thema „Ferien“.

Topshop Holiday Windows | Beautiful Window Displays

Eine weitere Installation in einem Schaufenster von TOPSHOP konnte man mit grösster Sicherheit (Datum unbekannt) im Ausverkauf der Frühlings- und Sommermode 2011 (?) bewundern (s. Link: Beitrag vom Jan. 2012)

Es handelt sich hier um ein und die selbe Schaufensterfigur, welche im Dutzend unterschiedlich gekleidet nebeneinander stehen. Sie gehört auch zu einer der schönsten Mannequins von Rootstein, selbst wenn ich ihre Pose nun nicht so speziell „aufregend“ finde. Es handelt sich hier um die Rachel, aus der Serie „Partners“, mit der Seriennummer PA 06.

» Topshop window display by Blacks VM, London (retaildesignblog.net)

Rachel von Adel Rootstein aus der Serie Partners (PA06) – Faszination Mannequins – Schaufensterfiguren aus fünf Jahrzehnten (faszination-mannequins-schaufensterfiguren.blog)

„Femme fatale“ im WIP-Modus: Jennifer Lopez im neuen Pixie-Look

„Du musst Grenzen setzen, du musst lernen, dein Selbstwertgefühl zu finden” schreibt die berühmte Sängerin und Schauspielerin Jennifer Lopez in ihrem Buch „True love“, in welchem sie u.a. zugibt, jeden Tag etwas erwachsener zu werden. Mir sind Menschen grundsätzlich sehr sympathisch, die ihre eigene Wahrheit als ein aus sich heraus entwickeltes, nicht unumstössliches Gebäude betrachten, es nie doktrinär verteidigend und offen gegenüber dem Ziel sind, stets der eigenen Mitte Schritt für Schritt ein wenig näher zu kommen. Innere Stärke bedeutet deshalb den Mut aufzubringen, immer wieder neue Facetten innerhalb des eigenen Charakters unbeirrbar zu erkunden, um sie zu entfalten. Mit einer gesunden Portion Eigenironie bezeichnet JLO, wie Jennifer Lopez auch genannt wird, sich selbst als WIP, was mithin auch etwas persiflierend auf den Begriff VIP (Very important person / sehr wichtige Person) sein dürfte. Denn je näher man jenem erstrebenswerten Gral innerer Zufriedenheit und Vollkommenheit kommt, in welcher man sich immer deutlicher sieht und begegnet, desto mehr verschieben sich die althergebrachten Werte, die sich wandeln, neu formieren und in Bezug auf die eigene Bedeutsamkeit innerhalb einer Gemeinschaft stark verändern können. Diese Entdeckungsreise richtet das Scheinwerferlicht auf die Entfaltung der eigenen Persönlichkeit. WIP bedeutet „work in progress“ und in diesem Zusammenhang „eine fortschreitende Arbeit (an sich selbst)“.

Jennifer Lopez veröffentlicht ihre Memoiren „True Love“ | STERN.de

Die vom „People“-Magazin zur schönsten Frau der Welt gekürte Jennifer Lopez verriet in einem Interview, dass sie für ihre Schönheit viel tun müsse und viel Zeit und Arbeit dahinterstecke. Das wirkt auf mich wenig überraschend; aber selbst ein „Focus“-Magazin „muss“ dies schreiben, um alle diejenigen Gemüter zu beruhigen, die allen Ernstes glauben, die ewig jung aussehende JLO verfüge über ein Gen, wonach sie im Alter von 50 Jahren sogar noch weiblicher und attraktiver wirkt, als 20 Jahre zuvor, ohne Workout und im besten Fall noch in der Hängematte liegend.

„People“-Magazin: Jennifer Lopez ist schönste Frau der Welt – FOCUS Online

Laszive Pose. Jennifer Lopez als Femme fatal im Film U-Turn (1997)

Im verstörenden Thriller „U-Turn – Kein Weg zurück“ spielt sie 1997 neben Filmgrössen wie Sean Penn und Nick Nolte eine überzeugende „Femme fatal“ in allen Facetten: erotisch, manipulativ, machtbesessen.

jennifer.lopez.jpg (300×450) (kinoweb.de)

JLO kennt man mit langen Haaren, gestreckt, oder gewellt, blondiert, braun und schwarz, offen tragend, oder auch zu einem Pferdeschwanz gebunden. Die Styles variierten sehr stark – und 1987 trug sie mit keckem Blick untermalt eine Kurzhaarfrisur, was damals sehr trendy war.

Jennifer Lopez wird derzeit ihrem WIP-Motto gerecht, erfindet sich derzeit neu und präsentiert sich – weil Vintage-Mode, Vintage-Make up und -Hairstyle aus den 80er-Jahren gerade absolut angesagt sind (ende 2020 und aktuell 2021) – in einem atemberaubenden Look mit Pixie-Frisur.

Zum 30-jährigen Jubiläum der Zeitschrift „Allure“ erscheint Jennifer Lopez auf dem Cover mit ihrem neuen Pixie-haircut; im Prinzip Vintage, aber irgendwie doch sehr modern, wild und ihr Selbstbewusstsein unterstreichend.

Jennifer Lopez: The Glory and the Dream (and the Drive) | Cover Story | Allure

Zitat: „She looks fierce as hell.“

Jennifer Lopez Debuts Fierce Pixie Cut Hairstyle on Allure | POPSUGAR Beauty UK

Im Zusammenhang mit Angie Hill, die von Hindsgaul als ganze Serie von Posen in Form einer Schaufensterfigur ende 80er-Jahre auf den Markt gebracht wurde, schrieb ich im Mai 2019 hier einen Blogbeitrag unter dem Titel: „Die Pixie- und Buzzfrisur von Angie Hill, einem Supermodell aus den 80er-Jahren, ist wieder cool und trendy.“

Die Pixie- und Buzz-Frisur von Angie Hill, einem Supermodel der 80er-Jahre, ist wieder cool und trendy. – Faszination Mannequins – Schaufensterfiguren aus fünf Jahrzehnten (faszination-mannequins-schaufensterfiguren.blog)