Mythos von Pygmalion, Teil 01: Die Werbung von der Firma „Timex“ (Uhrenhersteller) aus dem Jahre 1970

Kürzlich erst im Internet entdeckt, war ich sofort von dieser phantastischen Uhrenwerbung aus dem Jahre 1970 von „Timex“ hell begeistert und möchte hiermit meine Themenreihe „Mythos von Pygmalion“ mit Teil 01 beginnen. Vielleicht noch kurz vorangestellt die Skizzierung des berühmten Pygmalion aus Ovid’s Sage: darin wird erzählt, dass der Bildhauer Pygmalion von den Frauen enttäuscht gewesen sei und sich hernach in eine seiner Schöpfungen (Statuen) verliebte. Der Legende nach bat er die Göttin der Liebe, Venus, um Unterstützung, wonach sein Traum wahr werden sollte, seine Auserwählte möge lebendig werden. Beim Sammeln von Schaufensterpuppen, taucht in der einen oder anderen Situation der Gedanke daran in gewissen Momenten auf, da aus einem idealisierenden Grundbedürfnis heraus das Streben nach Perfektion im Vordergrund stehen kann. Ein Ebenbild des Menschen wird dann zum Ideal, wenn es lebendig wird. Natürlich soll Pygmalion mit seiner Statue aus weissem Marmor, die Venus zum Leben erweckte, auch Sex gehabt haben. Aber es geht in dieser Sage nicht primär um diese Handlung; das wäre viel zu banal. Im Grunde geht es um das Verliebtsein in sein eigenes Werk, als Vollendung der sich selbst zugestandenen, unübertrefflichen künstlerischen Fähigkeiten. Dies kann falsch eingeschätzt und übertrieben sein. Kritik initiiert auch ein Wachstumsprozess, der beim Erreichen der idealisierten Schöpfung aufhört zu existieren. Deshalb versuche ich den immer wieder hervorbrechenden, neuen Ideen zur Gestaltung meiner Schaufensterpuppen Raum zu geben. Das machen auch Sammlerinnen, also nicht nur männliche Kollegen, die dann eine Art weiblicher Pygmalion sind (wenn man diese Bezeichnung so stehen lassen kann). Die Voraussetzung ist für beide Geschlechter gleich: man taucht gedanklich in eine Fantasiewelt, wonach Mannequins in der Vorstellung zu virtuell lebenden Menschen werden. 

Link: Legende Pygmalion, Projekte Kunstgeschichte

Once upon a time, „Timex“-Werbung von 1970

In diesem oben aus Youtube verlinkten Werbevideo von der Uhrenfirma „Timex“ aus dem Jahr 1970, wird die Pygmalion-Idee aufgenommen: die drei Mannequins in einem Verkaufsraum seien sehr glücklich, verrät der Sprecher im kurzen Clip, aber ihnen würde zum perfekten Glück noch eine Uhr von der Firma „Timex“ fehlen, weshalb sie auch sehr betrübt sind. „Once upon a time…“„Es war einmal….“ erzählt die Geschichte, wie sie lebendig werden und sich aus der Auslage die schönsten Uhren aussuchen. „Und eines Nachts waren sie ganz alleine….“

Blau, Rot, Grün: drei Stoff-Puppen in Lebensgrösse verwandeln sich nachts in Menschen. Bild aus dem obigen Video
Once upon a time…. es war einmal…..

Einfach fantastisch und absolut sehenswert, alleine schon durch die leider in die Jahre gekommenen und etwas unscharfen, traumähnlichen, berauschenden Bilder, die einem an die psychodelischen Rock- und Pop-Musikclips der 60er- und 70er-Jahre erinnert. Der Werbefilm aus dem Jahre 1970 hält natürlich dem Vergleich mit neueren Produktionen nicht stand. Aber genau dieses Feeling der damaligen Zeit, welches ich selber erleben durfte und das dem späteren Musical und Kult-Film „Hair“ acht Jahre danach vorweggenommen scheint, kommt in gewisser Weise perfekt zum Ausdruck; bild-, schnitt- und musiktechnisch für mich ein avantgardistisches Meisterwerk, bewusst tiefgründig etwas ironisch, überzeichnet, vor allem mit den pantomimenhaften Bewegungen der lebendig gewordenen Schaufensterpuppen der Unvollkommenheit ihren Raum lassend. Wenn man genau hinschaut, entdeckt man dieses „Glanzlicht“ in den Szenen, wo die vordere rote Figur bei der Drehung nach links um die eigene Achse, diese typische, für damalige Verhältnisse provokative Twiggy-Pose (siehe Bild unten) einen kurzen Moment lang einnimmt.

Twiggy https://www.pinterest.de/pin/311381761738771030/

Twiggy – oben links im Bild die Echte und rechts davon die damals von der Firma Adel Rootstein nach ihrem Ebenbild produzierte Schaufensterpuppe – galt in ihrer Zeit als perfekten Körper, was sich mit den durchtrainierten Body’s der 80er-Jahre später radikal änderte (siehe „Wikipedia / Twiggy / Diana Vreeland von der US-Vogue“). 

Auch in dieser Szene im „Timex“-Werbefilm will ich eine versteckte Ironie in der überzeichneten Nachahmung der Twiggy-Pose erkennen, ohne dass sie lächerlich wirkt. Ich musste schmunzeln!

Bis heute ist Twiggy eine Mode-Ikone und die alte Schaufensterfigur aus den späten 60er-Jahren eine Rarität. Deshalb hat die Firma Bonaveri in Italien wieder eine moderne Twiggy im Sortiment (siehe Bild).

Twiggy (oben) erlebt derzeit gerade eine Wiedergeburt. Bonaveri hat sie wieder in sein Programm aufgenommen, auch mit derselben typischen Pose, aber mit völlig anderen technischen Elementen (wie ich mir sagen liess). Neue Teile, wie Arme, Hände usw., passen nicht zu den alten Figuren. https://www.fashion-net-duesseldorf.de/en/pagedetailed-230.html?shid=62

Pygmalion würde nach der zeitlosen Schönheit suchen. Hätte er Twiggys Erfolg voraussagen können? Vielleicht hilft uns ja der Werbefilm von „Timex“, diese Frage zu beantworten…..

Die goldene Karen Mulder von Adel Rootstein in einem Wintermärchen von „Agent Provocateur“.

Natürlich kann ich mich erinnern, an die vor Weihnachten reich dekorierten Schaufenstern in der Stadt, in welche meine neugierigen Kinderaugen damals blickten – vor allem natürlich beim Spielwarenladen „Franz Carl Weber“ in der Zürcher Innenstadt, an der Bahnhofstrasse, die über Kopf mit tausenden von Lämpchen behängt ein berauschendes Lichtermeer erzeugte. Im Kunstschnee wurden Modelleisenbahnen, Teddybären und maßstabgetreue Helikopter zum Spielen der Kundschaft präsentiert, die nicht selten genervt vom quengelnden Nachwuchs war, der am liebsten den gesamten Inhalt der Auslage mit nach Hause genommen hätte. Doch auch mein Kinderherz hüpfte schon, wenn unter dem Weihnachtsbaum genau dieses Feuerwehrauto mit Drehleiter lag, welches ich im Schaufenster gesehen und auf meine gedankliche Wunschliste gesetzt hatte und ich auspacken durfte. Ach! Waren das schöne Zeiten!

https://www.pinterest.de/pin/12596073943420733/

Als ich gestern dieses aussergewöhnliche Foto von der Weihnachtsdekoration der Edel-Boutique für Unterwäsche „Agent Provocateur“ im Internet entdeckte, musste ich zuerst ein wenig schmunzeln, denn als Kind, wie damals vor dem „Franz Carl Weber“, hätte ich zuerst die Helikopter im Fokus meiner Blicke und diese zuoberst auf der Wunschliste gehabt. Auch die Tännchen und die Figuren hätten vor einigen Jahrzehnten perfekt auf meine selber aufgebaute Eisenbahnanlage gepasst. Aber gestern fiel mein Blick natürlich zuerst auf die goldene Karen Mulder von Adel Rootstein und ich merkte, dass sie vor meinem inneren Auge blitzschnell, vorbei an allen Helikoptern, Spielfiguren und Tännchen vorüber an die Spitze von meiner imaginierten Wunschliste rückte. Jaja, meine lieben Leserinnen und Leser dieses Blogs: so ändern sich mit den Jahren die Prioritäten! Und so wie ich als Kind eine ganze Flotte von Feuerwehrautos und Helikoptern herbeisehnte, so würde ich heute diese wunderschöne, goldene Schaufensterfigur (wenn es sein muss mit den Helikoptern) mit nach Hause nehmen…. So hat diese, wovon ich bereits seit einigen Jahren ein Exemplar besitze, einen speziellen Platz, wo ich täglich mehrmals an ihr vorbei gehe, sie bewundere und mich gerne daran erinnere, wie ich als Kind mit meinem Feuerwehrauto und heute mit meiner goldenen Karen Mulder, von Adel Rootstein aus der Serie „Seduction“ glücklich bin.

Sie steht hier links neben der etwas modifizierten Alison Fitzpatrick (auch von Adel Roostein), in ihrem sexy Badeanzug mit Eisbär „Knut“ und mit Perücke von Adel Rootstein. Das helle Sonnenlicht fiel gerade so schön durch die Fenster im Dachstock und verbreitete diese magische Atmosphäre, als ich diesen Moment mit meinem Handy festhalten wollte.

Mehr hier in einem meiner ersten Beiträge vom 19. Februar 2018:

https://faszination-mannequins-schaufensterfiguren.blog/2018/02/19/karen-mulder/

Of course, I can remember the richly decorated shop windows in the city before Christmas, into which my curious children’s eyes looked back then – above all, of course, at the toy shop „Franz Carl Weber“ in downtown Zurich, on Bahnhofstrasse, which was overflowing with thousands of lamps hung an intoxicating sea of ​​lights. Model railways, teddy bears and true-to-scale helicopters were presented in the artificial snow for the customers to play with, who were often annoyed by the whining offspring, who would have liked to have taken the entire contents of the display home with them. But even my child’s heart jumped when the fire truck with turntable ladder lay under the Christmas tree, which I had seen in the shop window and put on my mental wish list and I was allowed to unpack. Oh! Those were good times!

Yesterday, when I discovered this extraordinary photo of the Christmas decorations of the high-end lingerie boutique “Agent Provocateur” on the Internet, I had to smile a little at first, because as a child, like back then before “Franz Carl Weber”, I would have seen the helicopters first Focus of my looks and had this at the top of the wish list. A few decades ago, the little tanks and the figures would have fitted perfectly on my self-built railway system. But yesterday, of course, my eyes first fell on Adel Rootstein’s golden Karen Mulder and I noticed that in front of my inner eye, past all the helicopters, game figures and little fir-trees, she moved to the top of my imaginary wish list in a flash. Yes, my dear readers of this blog: this is how priorities change over the years! And just as I longed for a whole fleet of fire engines and helicopters as a child, today I would take this beautiful, golden mannequin (with the helicopters if necessary) home with me…. So this one, of which I have had a copy for several years, has a special place where I walk past it several times a day, admire it and like to remember how I used to drive my fire engine as a child and now my golden Karen Mulder, by Adel Rootstein from the series „Seduction“.

She is standing here to the left of the slightly modified Alison Fitzpatrick (also by Adel Roostein), in her sexy swimsuit with polar bear „Knut“ and with a wig by Adel Rootstein. The bright sunlight was just falling so beautifully through the attic windows and creating this magical atmosphere as I tried to capture the moment on my phone.

Bergdorf Goodman’s Zauberwelten. Schläppi-Figuren aus der Schweiz an der 5th avenue in New York

Es waren keine an der Sonne schmelzenden Wachsfiguren mehr, wie sie etwa in den 30er-Jahren in den Schaufensterauslagen anzutreffen waren. Nein, diese Mannequins der anbrechenden Epoche waren aus modernsten Materialien und technisch ausgefeilt. Während der Hersteller Adel Rootstein die Figuren nach real lebenden Menschen gestaltete und diese modellierte, und andere Hersteller ihre Mannequins ebenfalls so realistisch wie möglich produzierten, ging die in der Schweiz damals domizilierte Firma Schläppi Zürich schon in den 50er- und 60er-Jahren eigene Wege. Das Abstrakte hielt Einzug; es sollte avantgardistisch sein, die in die Space-Age verortbare Mode von Pierre Cardin repräsentieren, wonach die Serie 2200 entstand, welche nach dem Konkurs von der Fa. Schläppi als „Aloof“-Serie beim neuen, italienischen Besitzer Bonaveri bis heute ihren Fortbestand hat. 

https://faszination-mannequins-schaufensterfiguren.blog/2018/12/23/bergdorf-goodmans-zauberwelten-berluti-und-die-kunst-des-weglassens/

https://faszination-mannequins-schaufensterfiguren.blog/2018/06/23/die-futuristischen-mannequins-von-der-schweizer-firma-schlaeppi-als-antwort-auf-das-anbrechende-space-fashion-zeitalter-der-60er-jahre/

Zu Bergdorf Goodman’s Zauberwelten schrieb ich im Dezember 2018 und zu den Space-Age Schläppi-Figuren im Juni 2018 jeweils einen Artikel, noch nicht ahnend, dass ich einmal Besitzer einer Schaufensterpuppe sein würde, welche vermutlich noch vor der berühmten Serie 2200 hergestellt wurde.

Doch der Reihe nach: Bergdorf Goodman an der 5th avenue in New York gibt es bereits seit Ende des 19. Jh. und ist auch wegen den wunderschönen, jährlichen Dekorationen zur Weihnachtszeit weltberühmt. Dieser liegt jeweils ein Thema zugrunde, wie z.B. „Karneval der Tiere“ (Carnival of the animals). 

Da war zum Beispiel dieses Schaufenster zum Thema „Jazz“ (Jazzes up) mit opulenter Ausstattung und mit fantastischen Garderoben (Quelle: jazzes-up.)

Da waren 2011 diese Fenster zum Thema „Karneval der Tiere“ (Carnival of the animals) …einfach fantastisch! Karneval der Tiere – Link

Diese Schaufensterfigur ist komplett in goldene Gegenstände gehüllt, wobei man sie fast nicht mehr erkennt… joana miranda studio

„Sculpture“ heisst dieses Thema und zeigt die berühmte, römische Statue des „Diskobolos von Myron“, diesem Diskuswerfer, der in einer Art eingefrorenen Bewegung eine eigentümliche Dynamik und Kraft ausstrahlt. Myron habe „den einzigen Moment der Ruhe, gewissermaßen den toten Punkt“ gewählt, heisst es in der Erklärung in Wikipedia ( https://de.wikipedia.org/wiki/Diskobolos ). Ist das nicht etwas, was uns bei den Schaufensterfiguren von den frühen 60er-Jahren immer wieder auffällt, dass sie wie eigenständige Skulpturen im Raum stehen?

Dann entdeckte ich letztes Jahr ein Inserat im Internet, in dem eine Rootstein-Figur zum Kauf angeboten wurde, mit dem Hinweis, es seien noch mehr, die aber nicht abgebildet seien. Als ich in einer Ecke der riesigen Räumlichkeiten diese doch ein wenig traurig dreinblickende Schaufensterpuppe sah, musste ich natürlich nicht lange überlegen. Die drei für die zweifelsfreie Identifikation der Puppe notwendigen Merkmale sind gut erkennbar: 1.) diese für die Statuen der griechischen Antike typische Physiognomie der geraden Nase, wie sie zum Beispiel bei den Darstellungen der Göttin Artemis (Göttin der Jagd) verwendet wurde. 2.) die dünnen, in alle Richtungen gespreizten Finger, mit nur zwei, statt drei Glieder. 3.) die so nur bei Schläppi speziell geformten Füsse und Zehen, die auch im Schritt an Ballett erinnert.

Sie war voller fettiger Rückstände von Abgasen, Russ und Schmutz. Doch dieser riesige Aufwand sie komplett zu reinigen hat sich gelohnt. Sauber und gestylt, mit einem trägerlosen Polka-Dot Kleid im Stil der 60er-Jahre, trat sie ihr neues, zweites Leben an und guckt, so scheints, viel fröhlicher in die Welt! Fotos in der Galerie unten: Es ist eindeutig eine Schläppi Zürich, wie sie bei Bergdorf Goodman bei verschiedenen Themen eingesetzt wurde und sie macht eine innehaltende Bewegung, wie der Diskuswerfer. Die auf der Hüftverbindung ersichtliche Nummer 502 könnte die Seriennummer sein. Weil es aber von diesen etwa 60 Jahre alten Mannequins keine Kataloge mehr gibt, ist dies sehr schwierig zu beurteilen. Auch eine der Bergdorf Goodman-Figuren hat immer noch diesen dünnen Strich der hoch angesetzten Augenbrauen. Das Gesicht erhält dadurch zwar etwas maskenhaftes. Aber es ist insgesamt eine wirklich tolle und sehr seltene Figur, die möglicherweise Pate gestanden ist, für die etwas später auf  den Markt gebrachten Schläppi 2200.

Shakira Caine. Ein Model und sein Mannequin von Derek Ryman

Die gängigen Hersteller von Schaufensterpuppen sind, bzw. waren in der Epoche ab 1960 bis in die 2000er-Jahre Adel Rootstein, Hindsgaul, New John Nissen und Almax und waren in Europa Marktführer. Trotzdem gab es eine kleine, aber feine Manufaktur in England namens Derek Ryman; und wenn man von ihm spricht, dann wissen diejenigen Sammler, die sich auch für kleinere Produktionsfirmen interessieren, dass diese wunderschönen Mannequins in kleinen Serien, mit sehr viel Liebe und Herzblut hergestellt wurden.

Unter diesen Schönen ist auch Shakira Caine’s Double. Shakira wurde 1967 Dritte bei der Miss World Wahl in London und heiratete 1973 Michael Caine, den bekannten Schauspieler (Quelle Wikipedia).

Man munkelt, dass Michael Caine in seine Frau so vernarrt gewesen sei, dass er bei Derek Ryman gleich mehrere Schaufensterpuppen von ihr bestellte. Doch sie trug offensichtlich auch mal selbst ihr Double von einem Ort zum anderen (oder nach Hause?!), wie auf dem Bild oben zu erkennen ist. 

https://www.facebook.com/groups/james.mannequindisplay/posts/1339946126759351

Der hier gepostete Link dieser Bildquelle ist (leider) nur für Mitglieder dieser privaten Facebook-Gruppe sichtbar. 

Perlen, Südsee, schöne Frauen wie Shakira Caine (Bild). Der berühmte Maler Paul Gauguin wollte nach seiner ersten Reise ins Paradies nicht mehr zurück nach Frankreich…. – irgendwie verständlich. Derek Ryman hat sie modelliert. Und sie stand offenbar mal zusammen mit drei Hindsgaul-Mannequins aus der Serie „International“ einem Fotografen Modell (Bild unten):

Bildquelle / Source, Shakira Caine mit Hindsgaul Mannequins

Mit Schaufensterpuppen leben. Ein Portrait über meine Sammlerkollegin Waltraud im TV-Sender BR online von Monika Sarré-Mock

Frisch restaurierte Schaufensterfigur von der Firma Adel Rootstein aus der Serie Lipstick wird von Waltraud liebevoll im goldenen Rahmen mit Engeln inszeniert

leben-mit-schaufensterpuppen

Vielen Sammlerinnen und Sammler von Schaufensterpuppen geht es nicht alleine um den blossen Besitz dieser schönen Figuren, sondern sie sind, oder besser gesagt, sie werden in einem oft langsam sich entwickelnden, kreativen Prozess in ein Gesamtkunstwerk eingebunden. Wie im oberen Bild sehr schön zu sehen ist, werden sie – wie diese Adel Rootstein-Figur – in ein Projekt mit mehreren, aufeinander abgestimmten Elementen integriert; ob dies ein realer, goldener Rahmen mit zugehörigen Engeln ist, oder der im übertragenen Sinne künstlerische Rahmen der Fantasie kaum Grenzen setzt… Es geht nicht um den Besitz, so wie ich mir als Kind noch Briefmarken-Trophäen ins Album steckte, sondern es geht um Kunst, um das Einbinden in den eigenen Lebensraum, als Teil der Dekoration, die einem mit Freude erfüllen kann. Monika Sarré-Mock vom Bayrischen Fernsehen BR online,  ist ein einfühlsames Portrait meiner Sammler-Kollegin Waltraud gelungen. 

Na wo ist sie denn? Waltraud auf der Suche nach einer ihrer ersten Mannequins in ihrer Sammlung, um dem Fernsehteam von BR online zu präsentieren…

Bei rund 300 Mannequins gestaltet sich die Suche nach derjenigen Puppe doch als kleine Herausforderung in den weiträumigen Gemäuern, wenn dem Team vom Fernsehen eine der ersten Schaufensterpuppen gezeigt werden will, die durch ihre Schönheit eine Art Verantwortung zu tragen hat, denn mit ihr hat ja schliesslich die Sammelleidenschaft begonnen – mit ihr sprang das „Virus“ auf Waltraud über. Das kenne ich natürlich auch! Und wenn dann mal einer dieser vielsagenden, wortlosen Blicke von Menschen mir entgegengeworfen wird, die so sagen würden, wenn sie reden könnten: „Hast Du nicht ein bischen viel Puppen?“, habe ich immer die beschwichtigende Antwort parat: „Imelda Marcos hatte auch 3’000 Paar Schuhe!“ Aber ich glaube vielen ergeht es so (auch bei mir war das so) wie Waltraud: man beginnt einmal mit einer Billigpuppe aus China und entdeckt erst allmählich den Reiz und die Anmut älterer Modelle, die oft nach Jahrzehnten ihres Daseins in dunklen Dachkammern oder muffigen Kellern verkauft werden, während ihre Herstellerfirmen bereits seit langem Konkurs gingen und nicht mehr existieren, der Globalisierung zum Opfer fielen. Umso wichtiger ist es diese Kleinode zu retten, ein würdiges Dasein zu bieten.

Aussergewöhnliche Pose einer unter Sammlerinnen und Sammler beliebten Schaufensterfigur aus dem Jahre 1987 (Adel Rootstein, Serie „Snap Shot“); eine Rarität

Ausdrucksstarke Posen, wie dieser Engel, suggerieren doch Bilder in unserem Kopf, die sich in die Gestaltung von sich verflechtenden Elementen einbinden lassen, aus welcher heraus Szenen entstehen, die stumm Geschichten erzählen. 

„Ooops!“ Die Schönheit dieser Hindsgaul-Figur entgeht dem Kameramann des BR-Senders nicht. Mit dem Blick des Kenners alter Schaufensterpuppen sieht man sofort anhand des originalen Makeups mit dem blauen Lidschatten, dass sie vor mehr als 40 Jahren produziert sein muss. „Smokie eyes“ nannte man damals diese die Augen hervorhebende Schminke – aktuell wieder sehr trendy, wie aus den Modezeitschriften Oktober / November 2022 zu entnehmen ist!

Auch wenn sie noch nicht inszeniert, staubig und nicht angezogen in einem der dunklen Räume stehen, auf ihren grossen Auftritt wartend, scheinen sie bereits lebendig, mit der Hand vor dem Mund – wie im obigen Beispiel – verschmitzt in die Kamera lächelnd… „Ooops!“ Der aufmerksamen Kamera des TV-Senders ist ganz offensichtlich die Schönheit dieser tollen Hindsgaul-Figur aus den 70-er Jahren nicht entgangen.

Wie an Weihnachten: Waltraud packt freudig eine frisch restaurierte Patina V aus….

Fertig restauriert und gut verpackt angekommen: die riesige Freude über die gelungene Reparatur der im Bild gezeigten Schaufensterpuppe ist Waltraud anzumerken. Ich freue mich mit ihr. Ich kenne dieses Gefühl, wenn ein Mannequin ein zweites Leben bekommt, in einer Umgebung, wo sie geschätzt wird. 

Frau Sarré-Mock stiess während ihrer Recherchen über Schaufensterpuppen auf dieses Blog „Faszination Mannequins“ und so kam der Kontakt zu Waltraud zustande. Perfect match kann ich dazu nur sagen und auf die Bedürfnisse des Senders auf regionale Themen in Bayern abgestimmt.

„Modeschaufensterpuppen fast echt.“ Asbury Park Sunday Press, Artikel vom 23. September 1973

„Fashion’s Mannequins Nearly Real“ titelte die Zeitung Asbury Park Sunday Press ihren Artikel über Schaufensterpuppen, den sie am 23. September 1973, also vor fast 50 Jahren, veröffentlichte.

https://www.newspapers.com/newspage/143749993/

Was geschah am 23. September 1973? Vier Tage vorher, am 19.09.1973 wurde Henry Kissinger neuer Aussenminister der USA. Am 18.09.1973 hatte die UNO Deutschland und die DDR in die Staatengemeinschaft aufgenommen. Einer der fantastischsten Poeten und Buchautoren des Jahrhunderts, Pablo Neruda, stirbt am 23. September 1973. 

https://www.was-war-wann.de/1900/1970/september-1973.html

Ich war noch zu jung, um Pablo Neruda zu lesen. Doch ich höre noch heute die Worte meiner älteren Schwester, in denen Buchautoren wie Carlos Castaneda und eben Pablo Neruda genannt wurden. Es war die Zeit der Kommunen und der Hippies. Die „Make Love, Not War“-Bewegung war noch nicht abgeebbt. Einer dieser Neruda-Zitate lautet: „Liebe wird nicht gesehen, sie wird gefühlt und noch mehr, wenn sie neben dir ist.“ „Ich liebe dich nicht, als wärst du eine Rose aus Salz, Topas oder ein Pfeil aus Nelken, die Feuer verbreiten. Ich liebe dich, weil bestimmte dunkle Dinge heimlich zwischen dem Schatten und der Seele geliebt werden sollen.“

https://www.recursosdeautoayuda.com/de/frases-de-pablo-neruda/

Als ich den erwähnten Artikel über Mannequins im Internet am 02. November 2021 entdeckte, stach mir zuerst das grosse Bild links in die Augen:

Artikel „Fashions Mannequins nearly real“

Ich musste nicht lange überlegen, welche Figur das sein könnte, da ich sie bereits seit Jahren selber besitze und mich eingehend mit dieser seltenen Serie „On the seaways“ von Hindsgaul auseinandergesetzt habe. Es ist die Nummer 8008, die ich in einem Blogartikel am 04. März 2018 bereits beschrieben hatte:

Artikel über die Figur Hindsgaul „On the seaways“ 8008

Seit wenigen Wochen besitze ich sogar höher aufgelöste Bilder aus dem Katalog von Hindsgaul „On the seaways“. Hier ist sie in Farbe:

Hindsgaul „On the seaways“ Nummer 8008
Bild im Originalkatalog von Hindsgaul, von der Figur 8008

Na ja, über Frisuren, Kleider und Brille lässt sich bekanntlich streiten…. Aber diese Clogs sind (wie ich gestern im Fernsehen gesehen habe) zur Zeit der absolute Modehit; Retro, Vintage. Die 70er Jahre sind absolut angesagt! Wer traut sich zuerst grüne Strümpfe zu einem hellblauen Kleid zu tragen :-D!

Zu Beginn des Artikels ist zunächst von „Ella“ die Rede, von einem Mannequin, einer fiktiven Heldin in einer Kurzgeschichte aus den 1940er-Jahren, von John Colliers „Evening Primrose“. Ein Kunde sehnte sich so sehr nach „Ella“, dass er sich nach Feierabend im Bracy’s Grand Emporium-Geschäft einschliessen liess, wobei in der Fantasie diese Schaufensterfigur zum Leben erweckt wurde. Mit dem Hollywood-Film „Mannequin“ wird diese Thematik 1987 wieder in einer Fantasy-Komödie cineastisch verarbeitet. 

Die Schaufensterpuppen sähen immer mehr wie echte Menschen aus, heisst es weiter im Artikel weiter oben und umso weniger würde es erstaunen, wenn eine so wie in der Fiktion mit „Ella“ plötzlich lebendig würde. „The latest models from Europe, manufactured by Hindsgaul, a Danish firm, are images of swinging contemporaries, worlds away from the rigid, haughty dummies of yesterday. AS PICTURED in the Hindsgaul catalogs girl mannequins invade the captain’s quarters on a cruise ship, and in action -poses they live it up in the company of sideburned, mustachioed men mannequins in murky nightspots.“ Die gerade aktuellen Modelle aus Europa, vom dänischen Hersteller Hindsgaul, seien zeitgenössische Bilder von Mädchenfiguren in Actionposen, die gerade auf einem Kreuzfahrtschiff in die Kabinen des Kapitäns eindringen. Sie werden in Gesellschaft von Männern mit Schnurrbart und Koteletten in düsteren Nachtlokalen auf Katalogbildern von Hindsgaul gezeigt, heisst es da weiter und aus der Formulierung wird nicht ganz deutlich, ob diese „düsteren Nachtlokale“ mit Männern mit Koteletten mit Bewunderung, oder gar etwas abwertend beschrieben werden.  Da vielleicht aus letzteren Gründen auf die Abbildung einer solchen „murky“ Szene verzichtet wurde, hole ich dies hier gerne nach:

Hindsgaul „On they seaways“ Nummer 8015 au sdem Jahr 1972. Sie sitzt in einem „düsteren Nachtlokal“, wie es in der Zeitung von 1973 heisst.
Einer der ersten Artikel in meinem Blog verfasste ich am 03. März 2018 über die an einer Bar sitzende Hindsgaul „On the seaways“ mit der Nummer 8015, die ich 2017 erwerben konnte.

Weil ich dieses sitzende Mannequin an der Bar von Hindsgaul mit der Nummer 8015 so toll finde, habe ich sie im April 2018 – also einen Monat nach dem ersten Artikel über sie auf meinem Blog – gefragt: „Willst Du eine Bar, wo Du bequem sitzen und Dich mit mir unterhalten kannst?“ Sie lächelte und sagte in ihrer etwas mondänen Art: „Ja natürlich! Kauf‘ mir eine Bar.“ Und ich ging in ein Brockenhaus (Gebrauchtwarenladen) und kaufte ihr eine Bar, die drei Männer die Treppen hinaufschleppten… Sie hatten aber keine Koteletten…;-) 

Meine sitzende Hindsgaul „On the seaways“ mit der nummer 8015 bekam nach dem Umzug in die neue Wohnung im April 2018 eine Bar, wie sie sich es gewünscht hatte….

Zwischen diesen Hindsgaul-Figuren und den starren, hochmütigen Dummies von gestern“ würden gar Welten liegen, grosse Unterschiede erkennbar sein, liest man in einem Abschnitt (Zitat oben orange markiert) im Artikel von 1973. Henry Calahan aber, der für die Dekoration zuständige Vizepräsident von Saks an der Fifth Avenue in New York, bevorzugt aber einen damenhaften Realismus von amerikanischen Herstellern wie Mary Brosnan, D.G. Williams, Wolf & Vine und Greneker. Der Hindsgaul-Typus sei zu weit entfernt von jenem Luxussegment, welches seine Kunden erwarten, wird er diesbezüglich zitiert. Die Botschaft sei anders. Doch dann ist von der Frau (Adel) Rootstein die Rede, die in den 60er-Jahren für Aufsehen gesorgt habe, indem sie ultrarealistische Mannequins von lebenden Menschen als Doppelgängerinnen produziert habe, wie zum Beispiel „Twiggy“, oder Laurie Newton Sharp (Harrod’s executive). Von Adel Rootstein besitze ich auch „Lady Caroline Percy“ aus der Serie „Aristocrats“ aus dem Jahr 1968 – diese Serie ist im Artikel auch genannt (Beitrag in meinem Blog, s. Link):

Artikel über Lady Caroline Percy von Rootstein

Die eigentliche Aufgabe von Schaufensterpuppen sei, so Mary Brosnan, Kleider für den Verkauf zu präsentieren und nicht zu entertainen. „Too wildlooking a pose and hairdo will sell the mannequin, not the fashions.“…. Als Sammler alter Schaufensterfiguren sehe ich dies natürlich aus einer etwas anderen Sicht. Im Bild unten sind zwei Hinsdgaul-Figuren aus dem Jahr 1972 abgebildet, die mit ihren Posen ihre aussergewöhnliche Individualität zeigen, aber auch ein Stück Zeitgeschichte darstellen, weil sie ein Lebensgefühl anfangs der 70er-Jahren repräsentieren und wenn ich sie betrachte in meiner Erinnerung aufleben lässt. 

Hindsgaul „On the seaways“ Nummer 8010 (rechts) aus dem Jahr 1972 und links aus dem selben Jahr eine „Twenty2“ auch von Hindsgaul.

Die lachende Hindsgaul-Figur aus der Serie „On the seaways“ mit der Nummer 8010 (rechts) ist im Originalkatalog ebenfalls wie die 8015 in einem „düsteren“ („murky“) Nachtlokal abgebildet. 

Die Hindsgaul-Figur Nummer 8010 aus der Serie „On the seaways“ von 1973 ist im Originalkatalog lachend und fröhlich auf einer Tanzfläche abgebildet. Einfach toll!!!

Meine ebenfalls lachende Hindsgaul aus der Serie „Twenty2“ mit der Nummer 7109 gesellt sich hinzu und wurde diese Woche auch zum „Bunny of the week“ gekürt.

Woher nehmen die Designer ihre Ideen für die Posen? Der Figur von New John Nissen, „Act 01“ Y09 auf der Spur.

Der berühmte Fotograf Peter Basch hatte anfangs der 70er-Jahre sein Studio in New York bereits geschlossen, lange bevor John Nissen seine neue Firma „New John Nissen“ wieder in die Gewinnzone bringen wollte. Dessen Konzept bestand darin möglichst ausdrucksstarke Mannequins zu produzieren, welche an Detailtreue keine Wünsche mehr offen lassen sollten. Standen in den 70er-Jahren die Hindsgaul-Figuren (und auch solche von anderen Herstellern) süss und bieder, mit Röckchen und Blusen, in den Schaufenstern, mit den typischen Posen in einer noch von Männern dominierten Welt, sollte sich in dieser Epoche das gesteigerte Selbstbewusstsein der Frau auch in den Auslagen der Geschäfte widerspiegeln. Natürlich auch mit dem Ziel, die zunehmende Anzahl derjenigen Frauen, welche nun selber über die privaten Ausgaben entscheiden konnten und eine sich vermehrende Gemeinde zahlungskräftiger Kundinnen darstellte, mit Schaufensterpuppen nicht mehr freundlich zuzulächeln, sondern ganz direkt in ihnen Emotionen zu wecken. Einen Paradigmenwechsel kündigte sich bereits mit den in den 60er-Jahren produzierten, neuen Figuren von Adel Roostein an. Sie nahmen vielfach sogar äusserst exaltierte Posen ein, um Aufmerksamkeit zu erzielen, wirkten sinnlich, bis sogar pittoresk.

Bereits 20 Jahre vorher, in den goldenen 50er-Jahren, feierte Peter Basch den wohlgeformten Frauenkörper als Gesamtkunstwerk, liess aber seine Modelle auch immer öfters dieses Gefühl innerer Befreiung zeigen, in stolzen Posen, oder in emotionalen Haltungen.

Foto Peter Basch, 50er-Jahre. Eine Frau zeigt ungehemmt Emotionen.

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https://www.vintag.es/2017/07/39-glamorous-photos-of-iconic-beauties.html

Einige seiner Bilder sind zu Ikonen der Fotografie geworden, hängen in Museen und inspirieren Generationen von Künstlern bis in die heutige Zeit. Ich greife nun eines seiner Bilder heraus, welches ich absichtlich gespiegelt habe, um die augenfällige Übereinstimmung noch deutlicher hervortreten zu lassen:

Foto Peter Basch, unbekannter Akt in den 50er-Jahren (spiegelverkehrt)

Diese schöne Frau im Halbakt, ein Foto von Peter Basch aus den 50er-Jahren, zeigt eine statuenhafte Pose, die ein wenig an eine griechische Göttin erinnert. Der Blick ist stolz, weit, sinnlich, in Gedanken versunken. Sie scheint gerade ihr dichtes Haar nach hinten in den Nackenbereich zusammenfügen zu wollen. Die rechte Hand am Haaransatz und die linke Hand bereits im Haar, hinter dem aus vermeintlich Marmor bestehenden Hals und Oberkörper, kämmend. Die lange Robe aus Satin mit der speziellen Lichtführung weckt Erinnerungen an Maler früherer Epochen. Der Hintergrund ist zerrissen, gesprengt von einer Rose. Ein Bild mit Symbolcharakter, gerade für diese Zeit nachdem zweiten Weltkrieg.

Ist dies eine für Frauen typische Haltung? Oder ist sie eher aussergewöhnlich, was ihren Eindruck auf den Betrachter noch verstärkt?

Bild aus dem Mannequin-Originalkatalog von New John Nissen, Serie „Act01“, mit der Figurennummer L 09. Die Pose ähnelt überraschend der Fotografie aus den 50er-Jahren von Peter Basch

Die Figur Nummer L 09 aus der Serie „Act 01“ von New John Nissen ähnelt aus meiner Sicht überraschend der Fotografie des Halbaktes aus den 50er-Jahren von Peter Basch, ein Bild, das ich kürzlich zufällig in einem meiner alten Hefte mit Bildern von Peter Basch fand, die ich vor einiger Zeit in einem Brockenhaus kaufte. Und wie so einige „Zufälle“ im Leben so spielen, konnte ich vor einigen Jahren eine New John Nissen „Act 01“ mit der Nummer L09 erstehen und wusste doch relativ bald, welches Kleid ihr am besten passen würde, notabene, ohne damals das Bild von Peter Basch zu kennen:

Meine New John Nissen, „Act 01“, mit der Seriennummer L 09

Irgendwie schien mir dies bei einer solchen Pose auch folgerichtig zu sein (und bei so einem statuenhaften Körperbau sowieso), den Oberkörper für das Foto in meinem Buch „The secret desires of mannequins“ bis zur Hüfte zu entblössen. Wie eine wunderbare Blüte (Calla Lilie) aus ihrem Kelchblatt sich windet, räkelt sich die „Act 01“-Schaufensterfigur aus ihrem Kleid. Die Figur strahlt eine Art neues Selbstbewusstsein aus; für die damalige Zeit revolutionär: aufblühend und unabhängig, schön und alles andere, als ein „Mauerblümchen“ (wie man über Frauen sagte, die im Schatten ihrer Männer standen). 

Ist dies also reiner Zufall, oder hatte John Nissen seine Ideen bei Peter Basch geholt? Wir wissen es nicht. Die Übereinstimmung ist frappant. 

Marie Helvig von Adel Roostein

Im letzten Bild oben erkennt man eine von der Pose her vergleichbare Figur bei Adel Rootstein: Marie Helvig

Lachendes „Running girl“ aus der Serie „Viva Sports“ vom japanischen Hersteller KYOYA, mit der Nummer W 204

Natürlich verlangte auch die aufstrebende Wirtschaft Japans, Ende der 70er- und 80er Jahre, nach modernen Produkten in der Schaufensterdekoration. So entstand einer der bedeutendsten Hersteller von Mannequins für den Markt in Fernost: KYOYA. Diese Firma wurde in Europa durch die deutsche Manufaktur Jung Figuren vertreten, weshalb auch auf unserem Kontinent viele, vor allem weibliche Schaufensterpuppen, verkauft wurden, die da und dort nun immer wieder auf ebay zum Verkauf stehen. Doch sie sind sehr selten, wenn auch nicht unbedingt bei den Sammlern so beliebt wie Adel Rootstein Figuren.

Titelblatt des KYOYA Katalogs aus den 80er-Jahren „Viva Sports“, mit der rennenden Figur W 204 rechts im Bild

Gewisse Sportarten, mit denen sich Fitness und Spass verbinden liessen, sowie jedermann fast überall und jederzeit ausführen konnte, verbreiteten sich über die gesamte industrialisierte Welt der wirtschaftlich mächtigsten Länder des gesamten Erdballs. Jogging gehörte zum Lifestyle und signalisierte eine Form des neu zelebrierten Individualismus. Jung, sexy, dynamisch hiess die Losung, nachdem der Stern der Hippie-Epoche in den 70er-Jahren bereits wieder stark am sinken war.  Und was könnte aus dem „Land des Lächelns“ Japan anderes kommen als lachende Mannequins? Viele KYOYA-Schaufensterfiguren lassen sich an ihren lachenden und fröhlichen Gesichtern erkennen; und Sammler, die diese Ära lieben, denken oft etwas wehmütig an jene unbeschwerten Zeiten zurück, die im Grunde von vielen Menschen sicher nicht völlig unbeschwert erlebt wurden. Es gab Krieg, Naturkatastrophen, das Reaktorunglück in der russischen Stadt Tschernobyl usw. Doch in den Schaufensterauslagen herrschte das grundlegende Lebensgefühl vor, das die Stimmung in der Bevölkerung der zivilisierten Welt widerspiegelte. Mittendrin fröhliche Mannequins von KYOYA. Erst rd. zehn Jahre später wurden sie von kopflosen, abstrakten „Eierköpfen“ (Egg-heads) abgelöst; gesichts- und ausdruckslos. 

Viva Sports Katalog von KYOYA, anfangs der 80er- Jahre
KYOYA W 204 aus der Serie „Viva Sports“

Mit ausdrücklicher Genehmigung eines befreundeten Fotografen, Reinhold Bader, publiziere ich hier einige Bilder von der W 204, die er in seinem Studio in Deutschland gemacht hatte. 

KYOYA W 204 in sexy Unterwäsche
Dieses Lachen ist ansteckend….
Copyright: Franzisco Javier Martinez Irastorza

Auch bei einem weiteren Sammler in Spanien und Freund von mir befindet sich ein Exemplar der W 204.

https://www.facebook.com/groups/1421401701505882/posts/3034872473492122

Eine KYOYA W 204 in der Sammlung eines Kollegen in Neuseeland, (Copyright) Adam Raynbird.
Copyright supermannequin.com

Ein komplett restauriertes Exemplar befindet sich in den USA, in der Sammlung von „supermannequin.com“:

https://www.supermannequin.com/product-page/laughing-girl-by-kyoya-mannequins

Copyright supermannequin.com
Copyright supermannequin.com (siehe Link unten)

https://photos.google.com/share/AF1QipNbuotGehOFRZZmcXHD8cmIjbb-3Kivn7-IkoC2uh_gX2SIiCOR9jwEjHaLKhfjCg?key=dGZtVENKeTlnVl9iOWhKbWRRdmxzNEFUdnBrWFdB

Im obigen Link findet man eine umfangreiche Bildergalerie von dieser Figur.

KYOYA W 204, lachende Figur

Leider habe ich bisher nur den Torso gefunden und kaufen können (Bild oben). Immerhin ist nun aber jemand in meiner Nähe, die ausnahmslos sämtliche Witze von mir lustig findet (wie man im Bild oben sieht) = DD!

Cyrill Steiger wakes old mannequins from their „sleeping beauty“ (englische Übersetzung)

https://www.argoviatoday.ch/aargau-solothurn/cyrill-steiger-weckt-alte-schaufensterpuppen-aus-ihrem-dornroeschenschlaf-146533780?fbclid=IwAR32ztsikn7Bl6X_fZuLoeGd-4hUoCMVs2bGtDTWbV3pyOeKYcmDD-0tmlE

„A good friend of mine has gone bankrupt with his clothes shop,“ Cyrill Steiger explains to ArgoviaToday when his unusual hobby was born. „And then I bought a mannequin from him that he would have probably thrown away otherwise.“ Of course he wanted to do his colleague a favor with it, but – and Cyrill Steiger says this with a mischievous smile and a wink – this doll was strikingly similar to one of his past loves. A little later, a second and then a third mannequin was added. „At some point it became my passion to save them from destruction and to see them in terms of saving old cultural assets.“

Inspiration from a young age

Cyrill Steiger has fond memories of his paternal grandmother, who, as a sculptor, sometimes modeled life-sized people out of clay, from which bronze statues were ultimately cast. „The more I delved into the subject of mannequins, the more I was fascinated by them,“ he recalls.

His maternal aunt and grandmother were seamstresses. So he caught the flair of the French haute couture of the time early on – Dior, Yves or Saint Laurent. Cyrill Steiger is a fashion and advertising photographer by profession.

Sustainable «craftsmanship»

According to Steiger, old mannequins are always a reflection of the time in which they were produced and used in shops. One speaks of „utility art“, explains Cyrill Steiger and he wants to offer this cultural heritage, which would otherwise be forgotten, a place worthy of it. He refers to this place as a „pony yard,“ a life raft where they are meticulously cleaned, repaired when necessary, and makeup touched up. „If necessary, one can be cobbled together from two defective figures,“ he says. Because Cyrill Steiger knows his way around very well and can recognize the different manufacturers and their series, nothing is thrown away unnecessarily.

The styling as the end product

Hunters have their trophies stuffed and hang them on the wall. Groundhoppers enter the football stadiums they have visited in a list. „And what are you doing with the mannequins, Mr. Steiger?“ ArgoviaToday asked him. „Neither of them,“ he says, laughing. With him, the end product is a suitable styling, which can also change again and again. From this point of view, each mannequin is an overall work of art that is as appealing as possible. Cyrill Steiger obtains the clothes from second-hand shops and flea markets. There, a saleswoman looked at him questioningly: „Is that for the girlfriend?“ He replied: „Which do you mean? the ex? It’s gone – I sold it!“ What is meant, of course, is the doll.

Mannequin von New John Nissen / Schläppi aus der Serie „Attitude“, mit den Nummern F3 und F8

Eine neue „Attitude“ von New John Nissen hat den Weg zu mir gefunden. Über meine erste Figur aus dieser Serie (F06 Torso und F05 Beine) hatte ich bereits vor vier Jahren einen Artikel hier geschrieben:

Nun kommt eine weitere Figur hinzu, die zwar in ihrem bisherigen Leben einige Blessuren abbekam, vor allem im Gesicht. Aber dies lässt sich restaurieren. Mir ist es wichtig, dass sie gerettet wurde, denn wie ich vernahm, wäre sie beinahe zersägt worden.

Ich glaube man sieht es ihr förmlich an, als sie verträumt aus dem Seitenfenster meines Autos blickte (Bild 01), hoffnungsvoll in ihre neue Zukunft. Fast schon in royaler Geste winkte sie mir zurück, als ich als „Paparazzo“ ihre Ankunft in Bildern festhielt (Bild 02). Noch bevor sie richtig geputzt werden wird, hatte sie ihren ersten Fototermin im Atelier. Kurze Haare stehen ihr gut und lenken ein wenig von den „Kampfspuren“ aus vergangenen Tagen ab (Bild 03 und 04).

Ihr Torso trägt die Nummer F03, wie ihre Arme auch. Die Beine sind mit der Nummer F08 angeschrieben und in einem erstaunlich guten Zustand. 

Im Vergleich zu meinen Bildern ist ihr Originalzustand anhand vom Katalogbild ersichtlich (Bild oben). Nach der Restaurierung wird sie diesen Zustand wieder annehmen.