Bergdorf Goodman’s Zauberwelten. Schläppi-Figuren aus der Schweiz an der 5th avenue in New York

Es waren keine an der Sonne schmelzenden Wachsfiguren mehr, wie sie etwa in den 30er-Jahren in den Schaufensterauslagen anzutreffen waren. Nein, diese Mannequins der anbrechenden Epoche waren aus modernsten Materialien und technisch ausgefeilt. Während der Hersteller Adel Rootstein die Figuren nach real lebenden Menschen gestaltete und diese modellierte, und andere Hersteller ihre Mannequins ebenfalls so realistisch wie möglich produzierten, ging die in der Schweiz damals domizilierte Firma Schläppi Zürich schon in den 50er- und 60er-Jahren eigene Wege. Das Abstrakte hielt Einzug; es sollte avantgardistisch sein, die in die Space-Age verortbare Mode von Pierre Cardin repräsentieren, wonach die Serie 2200 entstand, welche nach dem Konkurs von der Fa. Schläppi als „Aloof“-Serie beim neuen, italienischen Besitzer Bonaveri bis heute ihren Fortbestand hat. 

https://faszination-mannequins-schaufensterfiguren.blog/2018/12/23/bergdorf-goodmans-zauberwelten-berluti-und-die-kunst-des-weglassens/

https://faszination-mannequins-schaufensterfiguren.blog/2018/06/23/die-futuristischen-mannequins-von-der-schweizer-firma-schlaeppi-als-antwort-auf-das-anbrechende-space-fashion-zeitalter-der-60er-jahre/

Zu Bergdorf Goodman’s Zauberwelten schrieb ich im Dezember 2018 und zu den Space-Age Schläppi-Figuren im Juni 2018 jeweils einen Artikel, noch nicht ahnend, dass ich einmal Besitzer einer Schaufensterpuppe sein würde, welche vermutlich noch vor der berühmten Serie 2200 hergestellt wurde.

Doch der Reihe nach: Bergdorf Goodman an der 5th avenue in New York gibt es bereits seit Ende des 19. Jh. und ist auch wegen den wunderschönen, jährlichen Dekorationen zur Weihnachtszeit weltberühmt. Dieser liegt jeweils ein Thema zugrunde, wie z.B. „Karneval der Tiere“ (Carnival of the animals). 

Da war zum Beispiel dieses Schaufenster zum Thema „Jazz“ (Jazzes up) mit opulenter Ausstattung und mit fantastischen Garderoben (Quelle: jazzes-up.)

Da waren 2011 diese Fenster zum Thema „Karneval der Tiere“ (Carnival of the animals) …einfach fantastisch! Karneval der Tiere – Link

Diese Schaufensterfigur ist komplett in goldene Gegenstände gehüllt, wobei man sie fast nicht mehr erkennt… joana miranda studio

„Sculpture“ heisst dieses Thema und zeigt die berühmte, römische Statue des „Diskobolos von Myron“, diesem Diskuswerfer, der in einer Art eingefrorenen Bewegung eine eigentümliche Dynamik und Kraft ausstrahlt. Myron habe „den einzigen Moment der Ruhe, gewissermaßen den toten Punkt“ gewählt, heisst es in der Erklärung in Wikipedia ( https://de.wikipedia.org/wiki/Diskobolos ). Ist das nicht etwas, was uns bei den Schaufensterfiguren von den frühen 60er-Jahren immer wieder auffällt, dass sie wie eigenständige Skulpturen im Raum stehen?

Dann entdeckte ich letztes Jahr ein Inserat im Internet, in dem eine Rootstein-Figur zum Kauf angeboten wurde, mit dem Hinweis, es seien noch mehr, die aber nicht abgebildet seien. Als ich in einer Ecke der riesigen Räumlichkeiten diese doch ein wenig traurig dreinblickende Schaufensterpuppe sah, musste ich natürlich nicht lange überlegen. Die drei für die zweifelsfreie Identifikation der Puppe notwendigen Merkmale sind gut erkennbar: 1.) diese für die Statuen der griechischen Antike typische Physiognomie der geraden Nase, wie sie zum Beispiel bei den Darstellungen der Göttin Artemis (Göttin der Jagd) verwendet wurde. 2.) die dünnen, in alle Richtungen gespreizten Finger, mit nur zwei, statt drei Glieder. 3.) die so nur bei Schläppi speziell geformten Füsse und Zehen, die auch im Schritt an Ballett erinnert.

Sie war voller fettiger Rückstände von Abgasen, Russ und Schmutz. Doch dieser riesige Aufwand sie komplett zu reinigen hat sich gelohnt. Sauber und gestylt, mit einem trägerlosen Polka-Dot Kleid im Stil der 60er-Jahre, trat sie ihr neues, zweites Leben an und guckt, so scheints, viel fröhlicher in die Welt! Fotos in der Galerie unten: Es ist eindeutig eine Schläppi Zürich, wie sie bei Bergdorf Goodman bei verschiedenen Themen eingesetzt wurde und sie macht eine innehaltende Bewegung, wie der Diskuswerfer. Die auf der Hüftverbindung ersichtliche Nummer 502 könnte die Seriennummer sein. Weil es aber von diesen etwa 60 Jahre alten Mannequins keine Kataloge mehr gibt, ist dies sehr schwierig zu beurteilen. Auch eine der Bergdorf Goodman-Figuren hat immer noch diesen dünnen Strich der hoch angesetzten Augenbrauen. Das Gesicht erhält dadurch zwar etwas maskenhaftes. Aber es ist insgesamt eine wirklich tolle und sehr seltene Figur, die möglicherweise Pate gestanden ist, für die etwas später auf  den Markt gebrachten Schläppi 2200.