Gerettet!!! Die spannende Geschichte von einem Hindsgaul-Mannequin mit der Nr. 8011, aus der Serie „On the seaways“

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Dieses Mannequin der Manufaktur Hindsgaul, aus der Serie „On the seaways“, mit der Nummer 8011, aus dem Jahre 1968, fand ich im Container einer Entsorgungsfirma

Es ist nun schon einige Jahre her. Meine Sammlung von Schaufensterpuppen war noch viel kleiner als heute. Da erhielt ich einen Anruf einer Kollegin mit der Frage, ob ich so freundlich sei, ihr beim Entsorgen etlicher Waren aus dem Keller behilflich zu sein. Der Van war schnell gefüllt. Wir fuhren zur Kehrichtverbrennungsanlage und begannen den alten Hausrat in einen riesigen Container zu werfen, dessen Inhalt nachher geschreddert werden sollte. Da rief meine Kollegin mich plötzlich zu sich und zeigte mit der Hand auf einen Mannequin-Torso, der im Sperrgut lag. Wie elektrisiert grub ich weiter, als wäre ich bei einer archäologischen Fundstelle. Da die beiden Beine, hier noch ein Arm und dort noch ein Arm; ich spürte sämtliche Teile der Schaufensterpuppe auf. Diese befand sich generell in einem erstaunlich guten Zustand und als ich begann, sie aus dem Müll zu fischen, kam eine Mitarbeiterin des Recyclinghofes und wies mich in strengem Tonfall an, die Ware im Container zu lassen. Dies sei nun Eigentum der Firma und ich würde mit der Entnahme aus dem Abfall quasi Diebstahl begehen. Ohne überhaupt den Hersteller der Figur bereits nur schon zu erahnen, die ich soeben kurz vorher in den Händen hielt, spürte ich intuitiv, dass es eine alte, wertvolle sein musste, denn eine dieser modernen, asiatischen, dünnwandigen Billigpuppen, wäre bis dahin sicher schon in tausend Stücke zerbrochen. Die Stabilität und das Gewicht erinnerte mich eher an meine Almax aus den 80er-Jahren und so kämpfte ich wie ein Löwe um die Herausgabe dieses Mannequins. Es ging ja um „Leben und Tod“ und ich argumentierte, gestikulierte, wie wenn ich versucht hätte, die heilige Jungfrau Johanna von Orléans vor dem Scheiterhaufen zu retten. Als ich ihr erklärte, dass hier wichtiges, museumsreifes Kulturgut vernichtet werde, welches für das Verständnis unserer Menschheitsgeschichte notwendig sei, knickte sie ein und diese „heilige Jungfrau“ wurde begnadigt, indem diese dann sehr nett gewordene Dame mir einen legalen Weg aus dem Container erklärte. Noch gehöre sie demjenigen, der sie hier entsorgt habe, aber nur solange er noch nicht auf die Waage gefahren sei und das Gelände verlassen habe. Streng genommen, dürfe er sein Eigentum auch wieder mit nach draussen nehmen. Mehr durfte sie nicht verraten und meine Kollegin hatte zuvor gesehen, wie ein Mann die Figur aus einem weissen Lieferwagen herunter nahm, der etwa hundert Meter von mir weg stand. Der Mann schloss am Fahrzeug die Hebebühne, während der Motor bereits lief und die Fahrertüre offen stand, als ich losrannte. In der Zwischenzeit hatte er diese verriegelt und war auf dem Weg zur Führerkabine, wonach er beabsichtigte hinaus zu fahren. Ich rief „Stoopp!“, doch er reagierte nicht. Der Motor und die Maschinen rundherum waren zu laut. Mir blieben nur noch wenige Sekunden und ich glaube, ich hätte mich am Ende vor das anfahrende Fahrzeug gehechtet, so als würde ich als Torwart ein entscheidendes Goal in einem Finalspiel verhindern wollen. Der Lieferwagen rollte an, aber ich hatte mich in den vorangegangenen zwei Sekunden bemerkbar machen können. Das war knapp! Wir luden das Mannequin wieder auf, sie trat ein neues Leben an und gehörte nach der Waage beim Ausgang mir. Was für eine spektakuläre Rettungsaktion! Natürlich war ich neugierig und wollte wissen, wen ich da vor dem Schredder bewahrt hatte. Monatelang kam ich mit meinen Recherchen nicht weiter, liess es dann wieder bleiben, im Wunsch, eines Tages möge sich das Rätsel um diese geheimnisvoll lächelnde Figur lüften. Ich fand an ihr kein Label, keine Nummer, welche ihren Hersteller und die Serie hätte verraten können. Die eingestanzte Zahl am Hinterkopf mit zwei Buchstaben davor „NT 16“, war zu kurz, um im Internet fündig zu werden.

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Mit dieser am Hinterkopf eingravierten Nummer konnte ich zu Beginn meiner Recherchen nichts anfangen…

Anhand der beiden Kupplungen an den Schultern, sowie den Bajonettverbindungen an den Handgelenken, rückte die Firma Hindsgaul in den Fokus, alleine schon durch diesen, bei alten Figuren dieses Herstellers, noch vielfach typischen Gesichtsausdruck. So konnte ich sofort Adel Rootstein (Vierkantsteckverbindung an den Händen), New John Nissen (eigenes System bei der Beinkupplung), Jung-Figuren (konischer Bajonettbolzen), Moch  und weitere Manufakturen ausschliessen, fand aber im Internet unter den bekannten Figuren vor der Serie „International“ von Hindsgaul, kein vergleichbares Modell. Nach 1978 zu suchen war sinnlos, da von jenem Jahr an die Beine in der Mitte geteilt sind. Ich forschte mangels eindeutiger Ergebnisse nicht mehr weiter und beschloss zu warten, bis sich etwas Neues ergibt. Einige Monate später kaufte ich einen lachenden Torso mit dem Hindsgaul-Label auf der Rückseite, der die Seriennummer 8010 trug. Auch da kam ich monatelang nicht weiter (siehe Beitrag über die Hindsgaul „On the seaways“ 8010) und die Liste der Seriennummern auf der Hindsgaul-Fanseite verriet mir nur, dass die Figur vor 1972 hatte produziert werden müssen. Doch erst als ich in den Besitz der Hindsgaul mit der Nummer 8008 kam und umfangreiche Nachforschungen anstellte, kam ich der Lösung des Rätsels näher, bei dem sogar arrivierte Sammler, welche ich um Rat fragte, nicht weiter helfen konnten. Die Hindsgaul-Serie aus dem Jahr 1968 mit der Bezeichnung „On the seaways“ war den meisten unbekannt, da sie in Vergessenheit geriet. So sah ich mir die gerettete „Jeanne d’Arc“ mal genauer an und entdeckte auf der Oberseite von der Beinabschlussplatte, wo mittig der Verbindungsbolzen zum Torso angebracht ist, eine kleine, schwarz gestempelte Nummer „8011“. Das war sie, die Seriennummer, die ich suchte und die mich zur Lösung des Rätsels führte. Es ist eine „On the seaways“ aus dem Jahre 1968, nirgends gelistet, bisher den meisten völlig unbekannt und eine sehr seltene Schaufensterfigur, von der es vermutlich weltweit noch eine Hand voll Exemplare gibt, wenn überhaupt.

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Endlich ein klarer Beweis, dass es sich um eine Hindsgaul „On the seaways“ handelt: die Seriennummer 8011 ist auf der oberen Abschlussplattform der Beine original gestempelt

Es handelt sich dabei um das Mannequin mit grauem Pullover und oranger Hose, die ganz klein (deshalb in der Ausschnittvergrösserung leider unscharf) im oberen Feld des damaligen Katalogs abgebildet ist (s. Bild unten):

Hindsgaul On the seaways_32-8011 (Serge O)
Auch wenn das Bild mangels genügender Auflösung unscharf ist. Die Kopf und Beinstellung, sowie die gesamte Haltung ist gut zu erkennen. Es handelt sich hier eindeutig um die Hindsgaul „On the seaways“ mit der Seriennummer 8011, aus dem Jahre 1968 (vgl. auch Bild unten)

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flickr, Serge O, Katalogseite Hindsgaul „On the seaways“, mit Originalbilder der Nr. 8008, Nr. 8010 und Nr. 8011

Hindsgaul On the seaways_30-8010 & 8011 (Serge O)
Der russische Sammler Serge O kaufte einen kopflosen Körper einer Schaufensterfigur. Selbst für jemanden wie er, der sehr viel Erfahrung und Fachwissen besitzt, war die Identifikation dieses Körpers und die Zuweisung zu einem Hersteller, inkl. Name der Serie, bisher unmöglich. Meine Erläuterung des Sachverhalts legt nahe, dass es sich beim Torso um die Hindsgaul „On the seaways“ mit der Seriennummer 2010, und bei den Beinen um die Seriennummer 2011 handelt. Die Teile der gesamten Modellreihe sind untereinander kompatibel und wurden auch schon mal ausgetauscht…

Nun dürften bei dieser kopflosen Figur vom russischen Sammler Serge O die Beine ohne Zweifel von einer Hindsgaul „On the seaways“ Nr. 8011 stammen. Doch die Muskulatur des Halses zeigt die Ausrichtung des ehemaligen und abgeschnittenen Kopfes über die Schulter nach rechts an (vgl. mein Beitrag über die lachende Hindsgaul, Serie „On the seaways“, Nr. 2010).

flickr, Serge O, Hindsgaul „On the seaways“ ohne Kopf (Nr. 2010 / 2011)

Ich habe ihm entsprechend geantwortet: „Hi serge o. The point is: the torso had before the laughing head from the hindsgaul mannequin „On the seaways“ (Nr. 8010), wich perfectly fit’s together with the legs, wich I have with the original torso. The legs are also from the „On the seaways“ -Serie. Mine are stamped with „8011“. Es liegt im Bereich des Möglichen, dass der Vorbesitzer fatalerweise den Kopf abgeschnitten hat, von einer der seltensten Hindsgaulfiguren aus dieser Zeit!

 

Da nun alle Teile dieser Serie untereinander kompatibel sind, ist es möglich, ohne einen sichtbaren Unterschied in Form und Farbe, wie im Foto von Serge O (oben), einen Torso mit der Nr. 8010 (lachend) mit den Beinen einer Nr. 8011 zu verbinden. Zur Anschauung habe ich dies mit meinen beiden Figuren (s. Bild unten) gemacht. Da meine Mannequins nicht ganz die selbe Farbe aufweisen, erkennt man den Unterschied, doch die Teile sind untereinander kompatibel und passen perfekt.

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Zur Veranschaulichung habe ich meinen Torso mit der Seriennummer 8010 und die Beine der aus der gleichen Serie stammenden Hindsgaul „On the seaways“ zusammengebaut.
On the seaways Broschüre 13
Auf dem Prospekt von Hindsgaul aus dem Jahre 1968, hält die „On the seaways“ Nr. 8010 die Arme verschränkt. Allenfalls passen also die Arme von meiner Nr. 8011.

Je älter ein Mannequin ist und je kompatibler die Einzelteile untereinander sind, desto eher wurden, je nach Bedarf, von den Schaufensterdekorateuren Arme, Hände, oder Torsos ausgewechselt. 50 Jahre später ist es praktisch unmöglich eine Schaufensterfigur aus dieser Zeit in allen originalen Komponenten zu bekommen. Zudem ist erschwerend, dass selbst Kataloge rar sind. Die lachende Hindsgaul „On the seaways“ Nr. 8010, mit der Kappe und der schwarzen Umhängetasche, hat so weite (weisse) Hosen an, wonach man die Beinstellung nicht mehr rekonstruieren kann und das Foto auf Kniehöhe auch endet. Es bleibt also spekulativ, ob die Beine von der Seriennummer 8010 ähnlich, oder sogar identisch mit jenen der Serie 8011 sind. Eines ist hingegen sicher: die Arme meiner 8010 gehören zu einer anderen Schaufensterfigur und die jene von der geretteten 8011 sind nicht original. Es besteht aber eine relativ grosse Wahrscheinlichkeit, dass die geraden, etwas nach aussen stehenden Arme bei der 8010, zur 8011 passen. Die angewinkelten Arme (ohne die Hände) der 8011 sind vermutlich original passend zur 8010. Die Sache bleibt also spannend……

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Bei einer spektakulären Rettungsaktion auf einem Abfallentsorgungsgelände, wo dieses Mannequin bereits für den Schredder bereit lag, konnte ich dieser schönen, aus dem Jahre 1968 stammende Hindsgaul „On the seaways“, Schaufensterfigur ein zweites Leben und ein neues Zuhause schenken. Sie lächelt zufrieden; es scheint ihr zu gefallen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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